Nach einer alten Faustregel entfallen die Kosten für einen Bau zu etwa je einem Drittel auf Lohnkonto, Materialkosten und den Sammelposten „Regie“. Wenn das heute noch zutrifft, dann ist freilich die Steigerung der Baukosten um rund 20 v. H. (Mitte 1950 bis Mitte 1951) nicht hinreichend zu motivieren: weder mit den um 12 bis 14 v. H. erhöhten Lohnkosten, die für sich allein den Gesamtkostenindex ja nur um gut 4 v. H. in die Höhe treiben würden – noch mit den Materialkosten, die (von einer Ausnahme abgesehen, über die gleich noch zu sprechen sein wird) nur relativ geringfügig gestiegen sind – wobei, alles in allem, der Materialkostenindex keinesfalls stärker gestiegen sein kann als der Lohnindex. Holz ist, mit einer recht bedeutenden Verteuerung, die Ausnahme. Nun wäre es also ökonomisch „richtig“ (d. h. privatwirtschaftlich geboten und gesamtwirtschaftlich sinnvoll), wenn dieser so kostbar gewordene Baustoff nur noch äußerst sparsam verwandt würde – was ja auch möglich ist, wie alle Fachleute bestätigen: durch Übergang auf „Ersatzstoffe“, die mittlerweile in reicher Auswahl entwickelt worden sind, und durch Anwendung neuzeitlicher Verfahren speziell für Dachkonstruktionen („ohne Balken“). Da und dort wird ja auch nach solchen modernen Grundsätzen gebaut...

Warum aber nicht auf der ganzen Breite unserer Bauwirtschaft? Diese Frage muß einmal sehr ernsthaft gestellt werden. Sie führt auch an das eingangs behandelte Problem heran, das nunmehr so zu formulieren wäre: weshalb führt die Verteuerung einiger weniger Kostenelemente in der Bauwirtschaft alsbald zu einer unverhältnismäßig starken Steigerung der Gesamtkosten? Oder, noch präziser gefragt: wie kommt es, daß die Regiekosten selbst bei großen und größten Bauobjekten (anstatt nach dem Gesetz der fixen Kosten anteilig zu sinken) sich nicht nur als starr erweisen, sondern mindestens pari passu mit den Lohnkosten (und noch erheblich stärker als die Materialkosten!) ansteigen? An der Verlagerung von der so teuren Handarbeit auf die (besonders im Tiefbau, bei größeren Objekten) gut anwendbare Maschinenarbeit kann es wohl kaum liegen. Denn ein solcher Übergang zur mechanischen Förderung müßte sich ja erst recht kostensenkend auswirken, wenn es mit rechten Dingen und nach vertretbaren ökonomischen Grundsätzen zuginge.

Das ist aber, wie es scheint, auf einem verhältnismäßig großen Ausschnitt unserer Bauwirtschaft nicht der Fall. Und daß es dazu gekommen ist, daran ist einerseits die Subventionierung der Wohnbauwirtschaft schuld, andererseits die falsche Großzügigkeit der Bauherren, die – öffentliche Hand und speziell die Besatzungsmächte – die großen, Vorhaben im Tiefbau zu vergeben haben. Hier wie dort heißt es eben vom Standpunkt des Bauunternehmers aus: „Was verlangt wird, muß bezahlt werden.“ Dabei klingt, unausgesprochen freilich, das alte Motiv aus den vergangenen Jahren mit, als noch der „größte Bauherr aller Zeiten“ am Werke war – der Leitsatz nämlich: „Kosten spielen keine Rolle!“ Und vermutlich ist es nun auch in der Tat leider so, daß trotz der largen Methoden, wie sie die Bauherren bei der Prüfung der Kalkulationen im speziellen und bei der Vergebung der Aufträge im allgemeinen anwenden, in der Bauwirtschaft nicht etwa gewaltige Gewinne gemacht werden ... wahrscheinlicher ist vielmehr, daß auch hier (ebenso, wie vielfach in der Landwirtschaft!) „der Profit an den Rädern kleben bleibt“. Oder, konkret gesprochen: daß deshalb, weil keinerlei kalkulatorischer Druck auf die Regiekosten ausgeübt wird (und so eine echte Rationalisierung der Fertigungsvorgänge unterbleibt), die Kosten den an sich möglichen Ertrag auffressen. So muß es wohl sein, denn andernfalls würden die größeren Unternehmen der Bauwirtschaft bei den Margen, mit denen sie dank der Vergebungsmethoden der, Bauherren zu rechnen haben, in einem so starken Maße „Fett ansetzen“, daß, dies entweder alsbald bei ihrer Substanz (im Maschinenpark) augenfällig werden müßte oder aber (da ein Zuwachs an liquiden Mitteln sich ja nicht völlig unbeobachtet vollzieht) noch vor der Bilanz-Veröffentlichung sich im Aktienkurs dokumentieren würde.

Geld, wenn es ehrlich (d. h. durch Arbeit in der Verfahrensrationalisierung und durch Auswertung aller kostensparenden Faktoren) verdient ist, soll den betreffenden Unternehmungen von uns aus gern gegönnt sein. Was wir ihnen aber zum bitteren Vorwurf machen, das ist, daß sie zumeist ohne Wendigkeit und nach Schema F arbeiten, deshalb teuer, daß – sie noch immer Methoden anwenden, die sich von jenen der Pharaonen nur relativ wenig und nur graduell unterscheiden, und daß schließlich der bürokratische Schlendrian in einer überdimensionierten Apparatur zu überdimensionalen Kostensätzen führt. Vielleicht aber muß in diesem Zusammenhang noch ein anderer Vorwurf wenigstens erwähnt werden, der den Punkt betrifft, daß in der Bauwirtschaft auch auf anderem und nicht mehr absolut ehrlichem, Wege (viel) Geld zu verdienen ist. Man kennt diese Verfahren von früher; es gibt sie auch heute noch – bestimmte Vergebungsmethoden (man denke nur an die großen Aufträge, die von drei Besatzungsmächten herausgegeben und über Besatzungskosten verrechnet werden) fordern sie geradezu heraus. Es handelt sich hier also um die (zumindest aus der einschlägigen Literatur bekannten) Methoden der Ringbildung oder, wie es in der Sprache des Alten Testamentes heißt, der Schapperusche. Von Fachleuten wird uns versichert, daß diese Art der „Preisabreden“ überall in unserem Bauwesen eine fatale Rolle spielt: ganz besonders gegenüber solchen Aufträgen angewandt, die von einer der drei Besatzungsmächte vergeben werden, aber auch gegenüber größeren Bauvorhaben, die von deutschen Behörden (meist sind dies Landesbehörden) ausgeschrieben werden.

Natürlich sind, nach geltendem Recht, derartige Kartell-Vereinbarungen unzulässig. Aber gerade hier gilt ja: wo kein Kläger ist, da ist auch kein Richter. Wer keine inside-Informationen hat, kann schwerlich als Kläger auftreten. Und wer sie hat, ohne mit im Ringe zu sein, der schreibt natürlich nicht gerade gern solche Briefe an den Staatsanwalt, die ihm seitens seiner Konkarrenten-Kollegen den Vorwurf eintragen würden, daß er sich als Denunziant betätige... So werden die Dinge gewöhnlich nur im engsten Kreise, dort aber dafür um so erbitterter diskutiert. Diese Erbitterung ist auch verständlich, wenn man hört, daß für Objekte ähnlicher Art und ähnlichen Umfangs bei der einen Besatzungsmacht die Offerten mit 14 Mill. DM abgegeben wurden – bei der anderen aber, die den Kreis der Bewerber etwas enger gezogen hatte, so daß die ringfreie Konkurrenz nicht zum Zuge kam, mit 24 Mill. DM.

Das mögen extreme Beispiele sein. In anderen (normalen“) Fällen liegen die Kostenvoranschläge der ringgebundenen Firmen um 30 v. H. über denen der ringfreien, deren Kostenansätze nun naturgemäß von den vergebenden Stellen mit einigem Mißtrauen entgegengenommen werden, weil ja sofort der (von der „gebundenen“ Konkurrenz eifrig genährte) Verdacht entstehen muß, daß es sich um „Schleuderangebote“ von Leuten handelt, die ihr Geschäft offenbar nicht verstehen, also auch keine einwandfreie Arbeit leisten werden, insbesondere nicht die geforderten Materialqualitäten liefern. So werden die Hechte, anstatt daß sie Leben in den Karpfenteich bring:n, aufs Trockene gesetzt... zumindest wird es so kommen, wenn die Berufsvertretung ihre Absicht realisiert, wonach sie, als Richter in eigener Sache, maßgeblich bei der Beurteilung und Auswahl der Angebote eingeschaltet werden möchte. Bei allem Wohlwollen gegenüber dem Prinzip der Selbstverwaltung erscheint uns doch diese Methode der Preisbildung durch Preisbindung und Ausschaltung jedes echten Wettbewerbs nicht mehr recht zeitgemäß. Nun läßt sich gewiß über Konditionen = Vereinbarungen jederzeit reden, wenn auch Kartelle dieser Art einer ständigen kritischen Kontrolle bedürfen, damit nicht falsche Kosten aus falsch angesetzten Konditionen erwachsen. Ebensowenig sollte man hyperkritisch gegenüber Preisbindungen sein, soweit sie für Marken- oder (um den weiter gefaßten Begriff zu verwenden) für Standardartikel, und zumal für solche mit einem hohen Steueranteil im Verbraucherendpreis, gefordert werden. Das darf man wohl einmal betonen, damit klargestellt wird, daß wir an die Kartellfrage durchaus nicht doktrinär herangehen, also gewisse Preisbindungen wie auch bestimmte Einschränkungen im Konkurrenzkampf sehr wohl als vertretbar ansehen, wenn sie tatsächlich kostenmindernd wirken und die Rationalisierung nicht hemmen. Künstlich durch Ringbildung geschaffene Auftragsmonopole aber gehören, eben nicht zu jenen Kartellformen, jenen eine Existenzberechtigung zuerkannt werden kann. Erwin Topf