Von Elisabeth Verden

Die internationale Münchner Jugendbuchtagung ließ einen gewissen Pessimismus im Hinblick auf die deutsche Produktion spüren; wie weit er berechtigt ist, wird erst das Weihnachtsgeschäft ergeben. Immerhin der Verlage sind weniger geworden, und diese wenigen haben mehr Gesicht beikommen. Es ist genug an Interessantem da, was mit dem Ramsch der Cowboy-Hefte den Wettbewerb aufnehmen kann. Im ganzen scheint aber noch nicht völlige Sicherheit darüber zu herrschen, in welcher Richtung die lebhafteste Resonanz zu erwarten ist. Man versucht es mit der technischen Utopie, mit den Reiseabenteuern in fernen Ländern, aber weder Hans Dominik noch Karl May sind auf absehbare Zeit zu verdrängen. Am fruchtbarsten erscheinen daher diejenigen Bücher, die nicht in die Ferne schweifen, sondern die jugendlichen Leser in ihrem eigenen Alltag und Sonntag aufsuchen. Ein gehöriges Quantum Realismus darf man der nachwachsenden Generation schon zumuten.

Zwei Beispiele seien herausgegriffen:

Franz Seinsche, Lehrer in Essen, hat schon eine weitverbreitete Leser-Gemeinde. Seine neueste Bubengeschichte „Der Sängerkrieg von Willhausen“ (Verlag J. W. Bachem, Köln, 173 S.) schildert ebenso spannend wie humorvoll die Fehde der beiden Knabenchöre an den Pfarrkirchen einer rheinischen Stadt, ganz aus dem Empfinden der Halbwüchsigen von heute mit der gleichen unbefangenen Frische, wie sie die katholische Jugendliteratur in Amerika so vorbildlich entwickelt hat.

In der Großstadt ist „Kaulquappe, der Boss der Zeitungsjungen“ beheimatet, von dessen wendigem und schlagfertigem Treiben Alfred Weidenmann zu erzählen weiß (Curt E. Schwab, Stuttgart, 176 S.). Da werden Wettrennen von Zeitungsfahrern ausgetragen, die Zirkusvorstellung der Konkurrenz wird gestört und um das „Grüne Band“ gekämpft. Rotationsmaschinen, Kriminalkommissare, S-Bahnen und Paddelboote geben Berliner Lokalkolorit.

Einen „Roman junger Menschen dieser Zeit“ hat sich Rolf Italiaander für die etwas älteren Jungen ausgedacht („Hans und Jean“, Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, 208 S.). Der Berliner Hans und der Pariser Jean begegnen sich im letzten Kriegsjahr in Berlin als Feinde und treffen sich nach Kriegsende in Frankreich als Freunde wieder. Dazwischen liegt ein Weg voller Enttäuschungen, dessen lebhafte Darstellung den jungen Leser in Atem halten wird.

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