Es geschah, daß zur Nachtstunde die Tür zum Arbeitszimmer eines Film- und Funkdichters sich leise öffnete. Der Film- und Funkdichter, ein Herr in den besten Jahren, hatte gerade begonnen, einen blanken Manuskriptbogen mit den Vokabeln seiner Begnadung zu bedecken. Zunächst dachte er, er erlitte, wie öfters schon, den Besuch seines aus dem Schlafe aufgestörten Töchterchens, dann aber, betroffen von einer ihm fremden, nicht eben kindlichen Stimme hinter seinem Rücken, wandte er sich um und sah sich einer Gestalt gegenüber, von der sich nicht mit Sicherheit ausmachen ließ, ob sie männlichen oder weiblichen Geschlechts war. Auch waren ihre Konturen nur verschwommen, wie auf Japanpapier getuscht.

Als erriete der Besucher die Verlegenheit seines Gegenübers, befahl er mit suggestiver Eindringlichkeit: „Schließen Sie die Augen, damit Sie mich besser sehen können!“ Der Dichter schloß die Augen, halb mit Widerwillen, halb aus Neugier. Als er sie wieder öffnete, sah er in der Tat etwas besser. Er sah einen mittelgroßen Menschen, wenigstens hatten seine Gesichtszüge etwas Menschliches, wogegen die Gestalt selbst Symptome einer knochenlosen Verkümmerung zeigte.

„Wer sind Sie?“ fragte der berühmte Film- und Funkdichter. „Ich bin die innere Stimme“, antwortete der Fremde. „Ich hatte nicht geglaubt, mich Ihnen vorstellen zu müssen. So wie ich vor Ihnen erscheine, bin ich das Gebilde Ihrer eigenen Eingebung. Es gibt kein einziges Hörspiel und keinen einzigen Film aus Ihrer Feder, in dem Sie sich nicht meiner bedienen, sei es als innere Stimme des Briefträgers Krawutke oder als einer solchen der Zimmervermieterin Zaumseil.

„Ich werde Sie“, fuhr der Fremde fort, „mit meiner Genealogie vertraut machen. Wir führen nämlich in unserer Sphäre ein völlig reales Dasein, müssen Sie wissen. In unseren Kreisen unterscheidet man zwei Herkünfte: die aristokratische Linie – ihre Abkömmlinge produzieren ätherische Wesen wie Geister, Ellen, Engel, in summa alle höheren Monaden – und die bürgerlich gefilterte Linie – ihren Angehörigen obliegt die Darstellung innerer Stimmen von Menschen, beispielsweise der Gewissensstimmen straffälliger Personen, ferner Traum- und Telefonstimmen, letztere in mißverstandenen surrealistischen Hörspielen, beziehungsweise amerikanischen Kriminalstücken.“ „Was wollen Sie von mir?“ rief der berühmte Film- und Funkdichter. „Ach, lieber Herr, Sie strapazieren Zu sehr meine Kräfte, Sie überfordern mein Wohlwollen. So lassen Sie mich, um ein Beispiel zu nennen, in Ihrem neuesten Stück viermal als innere Stämme des Malers Rembrandt, dreimal als Gewissensstimme der Saskia agieren, und – dem nicht genug! – zwingen Sie mich, das Vorder-, Hinter- und Abgründige in der Seele des Kunstmaklers van Leuwen darzustellen. Der Fremde drückte beide Daumen gegen die Nasenflügel. Dabei wurde sein Gesicht um einige Schatten unkenntlicher, sein Körper schien vollends zu zerfließen, seine Stimme aber schwoll an: „Das Maß ist voll!“ rief sie, und darnach war Stille. Der berühmte Film- und Funkdichter blätterte in dem vor ihm liegenden Manuskript. Aber er hatte die Lust zum Arbeiten verloren... Bevor er das Licht ausknipste, schwor er sich, nie mehr einen Film oder ein Hörspiel mit mehr als drei Stimmen zu schreiben. Da er ein Autor in den besten Jahren war, hatte er einen untrüglichen Instinkt für das, was gegenwärtig gefragt war, wie er überhaupt eine starke Imaginationsgabe für die reale Wirklichkeit besaß, die im letzten Grunde aus höchst realen Honoraren bestand. Jedenfalls behauptete das immer seine Frau. Gerhard Prager