Von Paul Bourdin

Wer an die Pariser Reise des Bundeskanzlers zu große Erwartungen geknüpft hatte, mußte sich enttäuscht sehen. Bei dem Besuch in London könnte es umgekehrt sein. Nicht als ob Adenauer mit konkreten Ergebnissen heimkehren könnte, aber seine Reise fällt in eine so kritische Entwicklung der europäischen und der atlantischen Politik, daß das bloße Auftreten Deutschlands auf dem internationalen Felde in diesem Augenblick von Nutzen sein muß. Der Faktor Deutschland wird in diesen schwierigen Wochen nicht zu übersehen sein, nicht in London, von wo die gegenwärtige Krise ausging, und nicht in Straßburg, wo sie die größte Verwirrung angerichtet; hat und wo Adenauer – nach seinem Londoner Besuch – die Außenminister Frankreichs, Italiens und Belgiens treffen wird. Daß die neue britische Regierung diesem Faktor im Rahmen ihrer Interessen Rechnung tragen will, geht schon aus den ungewöhnlichen Ehrungen hervor, die vorgesehen sind und zu denen auch ein Empfang beim König gehört.

Dem Kanzler müssen die Gespräche in London und Straßburg gerade jetzt besonders wichtig sein. Die Gefährdung der europäischen Politik, die wir gegenwärtigerleben, bedeutet eine Gefährdung seiner eigenen Politik, wenn nicht gar eine Schwächung der deutschen Aktionsmöglichkeiten überhaupt. Die Absage Edens in Rom und die des Innenministers Sir David Maxwell-Fyfe in Straßburg, sich an irgendeiner übernationalen Institution – der Montanunion, der Europaarmee, einer europäischen Föderation und selbst einer atlantischen Föderation – zu beteiligen, hat indessen die Krise keineswegs hervorgerufen, sondern lediglich die Hoffnung auf ihre schnelle Überwindung zerstört. Die Krise schwelt seit langem, nur hat man sich in Frankreich – und wohl auch in Bonn – der Illusion hingegeben, die Regierung Churchill würde einer europäischen Föderation aktiver gegenüber stehen als ihre Vorgängerin. Positiver gewiß, aber eben nicht aktiver im Sinne einer Beteiligung! Churchills europäische Initiative in Fulton, Zürich, Den Haag und Brüssel hat zu diesem Mißverständnis verleitet. Als dann gar der konservative Abgeordnete Boothby zu Beginn der Straßburger Versammlung den amerikanischen Kongreßmitgliedern versicherte, die europäische Armee könne gegebenenfalls britische Divisionen einschließen,

glaubte man in Frankreich den Pleven-Plan endgültig durch das Gewicht Englands gerettet, das nicht nur die zögernden Benelux-Staaten mitreißen, sondern auch die innerfranzösischen Widerstände überwinden werde.

Dann kam ein englisches Nein in Rom, dem ein zweites Nein in Straßburg folgte. Ihm haben sich sofort die Benelux-Staaten angeschlossen, und wieder sieht sich Frankreich in Europa, das heißt sowohl in der Montanunion wie vor allem in der sogeannten europäischen Verteidigungsgemeinschaft, Deutschland allein gegenüber, Genau dies zu vermeiden, war aber der Sinn aller auf Europa abzielenden französischen Pläne, des Schuman-Plans, des Pleven-Plans und des Pflimlin-Plans einer europäischen Agrarunion, den der französische Delegierte Charpentier trotz aller Enttäuschungen der letzten Woche unbeirrt gegen den heftigen Widerstand der Engländer und Skandinavier im Europarat in Straßburg eingebracht hat. Die Rückwirkungen des englischen Nein auf die innerpolitische Lage der französischen Regierung haben sich denn auch sofort eingestellt. Sie sind ohne weiteres an de Gaulles scharfer Ablehnung der Europaarmee abzulesen, die er auf dem Kongreß seiner Partei in Nancy

aussprach. Und mehr noch; Als Sir David Maxwell-Fyfe in Straßburg die nach der Meinung der Times nicht einmal eindeutig genug formulierte Absage Englands erteilte, erwiderte Paul Reynaud: „Wenn das Vereinigte Königreich sich weigert, an der europäischen Armee teilzunehmen, wird das französische Parlament sich weigern, den gegenwärtig in Paris zur Erörterung stehenden Plan zu ratifizieren. Das wäre das Ende der europäischen Armee und das wäre auch, fürchte ich, das Ende Europas.“

Dramatischer läßt sich die Krise der europäischen Idee wohl kaum ausdrücken. Es wäre jedoch ein Irrtum, wollte man die Schuld dafür ausschließlich England zuschieben. Die Schuld liegt auch an den viel zu ehrgeizigen Plänen Frankreichs, auf die weder England noch die Benelux-Saaten noch die Skandinavier sich einlassen wollen. Nur Deutschland und Italien sind bisher Frankreich auf diesem Wege gefolgt. Aber auch in Deutschland hat die europäische Idee, die zunächst eine so große Anziehungskraft besonders auf die Jugend ausgeübt hat, in dem Maße an Boden verloren, in dem der fatale Nebengedanke des Schuman-Plans wie des Pleven-Plans zutage getreten ist, den Vorrang Frankreichs in Europa zu verewigen. Noch entscheidender aber für die Europa-Müdigkeit in allen Ländern ist die Zahl der sich überstürzenden Initiativen, sich überschneidenden Pläne und sich fortschleppenden Konferenzen, die alle in einer Sackgasse enden. Die letzten Wochen haben eine solche Fülle von Konferenzen gebracht, daß die allgemeine Verwirrung und Ratlosigkeit darüber, wie durch internationale Zusammenarbeit der Friede bewahrt werden kann, eklatant geworden ist. Sechzig Nationen der UNO, zwölf Mitglieder der NATO, vierzehn Staaten des Europarates haben sich in Paris, Rom und Straßbuig vereinigt, ohne daß es bisher zu einer einzigen Entscheidung gekommen ist. Welchen Eindruck von Europa mögen die vierzehn amerikanischen Kongreßmitglieder mit nach Hause bringen, die das planungsfreudigste und unkompetenteste dieser Gremien, die europäische Versammlung in Straßburg, besucht haben? Man hat manch bitteres Wort gehört. Am treffendsten ist wohl der Ausspruch: „Wir haben zu viele Kirchen und zu wenig Glauben.“