Halldor Laxness: Islandglocke. Roman. (Subrkamp Verlag, Frankfurt a. M., 618 S., Leinen DM 18,–.)

Obwohl man bei uns in Deutschland noch nichts von Halldor Laxness wußte, ehe jetzt seine während des Krieges geschriebene Romantrilogie „Islandglocke“ erschien, ist man geneigt, ihm gleich einen Platz unter den großen Epikern der Weltliteratur einzuräumen.

Sein Roman spielt in demselben Jahrhundert, dem siebzehnten, wo auch Jens Peter Jacobsens „Frau Marie Grubbe“ und Gudmundur Kambans „Jungfrau auf Skalholt“ angesiedelt sind. Wie Marie Grubbes Geliebter Sören, so muß auch der isländische Bauer Jon Hreggviddson harte Jahre in Eisen auf der berüchtigten Sundinsel Bremerholm zubringen. Skalholt aber, der alte Bischofssitz, und das Gut – Braidatunga sind, wie bei Kamban, Schauplätze von überragender Bedeutung auch bei Laxness. Das Rad der Zeit hat sich weitergedreht. Fünfzig Jahre sind vergangen, seit Ragnheidur Brynjolfsdottir, die Bischofstochter, ihren Falscheid in der Domkirche zu Skalholt geschworen hat. Die Erinnerung daran ist noch lebendig, begegnet man in Laxness’ „Islandglocke“ doch gleichen Familien wie in Kambans „Skalholt“-Romanen.

Aber es ist ein ganz wesentlicher Unterschied zwischen beiden Dichtungen. Kamban, der Geschichtsprofessor, gab einen historischen Roman von hervorragendem kulturgeschichtlichem Wert; Laxness dagegen benutzt die Historie, die ihm die Prozeßakten gegen Jon Hreggviddson vermittelten, nur als Kleid, in dem höchste Gegenwartsaktualität verborgen wird. Das Jahrhundert, wo die Bedrückung der Kronkolonie Island durch die Dänen krasseste Formen annahm, ist für ihn nur die literarische Plattform, von der aus er seinen Kampf gegen Unrecht und Ungerechtigkeit, gegen Zwang und Gewalt in aller Welt führt. Das schier Unheimliche an seinem Buche ist, daß nicht allein der des Mordes angeklagte Jon Hreggviddson oder der Skaldaforscher Arnas Arnaeus und die schöne „Snaefridur Islandsonne“ Hauptfiguren des Geschehens sind, sondern daß eine Schuldverstrickung des ganzen Volkes durch Missetaten und Unterlassungen sichtbar gemacht wird, in der der einzelne desto mehr bedeutet, je einflußreicher gesellschaftliche Position, Verstand und Verantwortungsgefühl sind: „Jetzt ist es soweit gekommen, daß niemand im Lande mehr weiß, was für Recht angesehen werde... Aber die Gerechtigkeit stellt sich nicht ein, solange wir nicht selber Menschen geworden sind...“ Laxness hat den großen Atem der alten Sagadichter. Die balladeske Form der Erzählung liebt häufigen Wechsel der Schauplätze, nimmt aber die Fäden immer wieder von den Personen her auf, deren jede in deutlichen Konturen und doch als Glied einer auf Gedeih und Verderb verbundenen Schicksalsgemeinschaft erscheint. – Die Übersetzung von Ernst Harthern hat den Kunstwert der Dichtung in vollkommener Weise auch sprachlich erhalten.

Christian Otto Frenzel