Wenn sich die wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen zwischen Unternehmern und Arbeitnehmern getreu der vielfach durchexerzierten nationalökonomischen „Modell“-Betrachtung regeln würden – dann wäre wohl der auf der Kölner Jahresversammlung der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände von Hauptgeschäftsführer Dr. Erdmann erstattete Jahresbericht nur eine Aufzählung von – im Sinne volkswirtschaftlicher Axiome – höchst erfreulichen Tatbeständen. Die moderne Wirtschaft kennt aber weder die „vollständige Konkurrenz“, noch vollziehen sich die Einkommensverteilungsprozesse nach „Modell“, da die Machtfrage heute in der Wirtschaft mindestens eine ebenso große Rolle spielt wie die Grenzproduktivitätstheorie in der Wissenschaft. Anders ausgedrückt, bedeutet dies: die gewerkschaftliche Lohnpolitik ist aktiv: das heißt, die Gewerkschaften streben dem Sinne nach eine gleitende Lohnskala an, die deshalb so gefährlich ist, weil sie die wirtschaftliche Dynamik nicht aus der Mitte heraus, sondern nur von der Peripherie her „angreift“.

Es ist oft genug gesagt worden, wie sehr die Leugnung echter Gefahrenpunkte in der Lohnpolitik der Absicht entspringen kann, nachweisen zu wollen, wie falsch die marktwirtschaftliche Politik der Bundesregierung sei. Unter dieser .Voraussetzung muß man die in diesem Jahr wiederholt unternommenen, bisher ergebnislosen Versuche der Arbeitgeberverbände bewundern, die darauf abzielten, die Lohndiskussion in gemeinsamen Besprechungen mit den Gewerkschaften zu „versachlichen“ und berechtigte Forderungen der Arbeitnehmer in den Rahmen des Möglichen einzuordnen.

Die eindringliche Warnung vor generellen Lohnerhöhungen, die von der Arbeitgebervereinigung vor Beginn der dritten Lohnwelle erhoben wurde, als die Gewerkschaften eine weitere Heraufsetzung der Löhne um 10 v. H. forderten, stützte sich – wie der Jahresbericht ausführt – auf folgende Argumente: Eine solche allgemeine Lohnerhöhung würde zusätzliche Kaufkraft in Höhe von mehreren Milliarden bedeuten. Außerdem bedeuten Lohnsteigerungen Kostenerhöhungen. Überhöhte Lohnsätze zwingen die Betriebe zu Arbeiterentlassungen. Die Rückwirkungen auf den Export als Folge der Anhebung des Lohnniveaus über eine erträgliche Grenze hinaus sind verhängnisvoll. Schließlich haben Lohnsteigerungen Auswirkungen auf die Kohleförderung und die Ernährungsbeschaffung (Abwanderung der Bergleute; erhöhte Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse). Eine diese elementaren Zusammenhänge nicht berücksichtigende „aktive Lohnpolitik“ führt – wie die Bundesvereinigung in ihrem Bericht bemerkt – zu der schlimmen Alternative „Inflation oder Arbeitslosigkeit“. Wenn also die Arbeitgeber sich gegen die gewerkschaftliche „aktive Lohnpolitik“ wehren, so entspricht dies offenbar eher einer sozialen Verantwortung, als wenn sie den gewerkschaftlichen Forderungen, die nur in Verbindung mit den wirtschaftspolitischen Zielen der Gewerkschaften gesehen werden können, nachgeben würden.

Die gewerkschaftlichen Einwände gegen die Arbeitgeberargumente stützen sich auf das angebliche Mißverhältnis zwischen Gewinn – und Lohnquote. Nach gewerkschaftlicher Version ist die Lohnquote von 1936 mit 50 v. H. des Nettoproduktionswertes auf 39 v. H. bis Ende 1950 zurückgegangen, während in der gleichen Zeit die Gewinnquote von 50 v. H. auf 61 v. H. angestiegen sei. Dieser Vorstellung von der „ungerechten Verteilung des Sozialproduktes“ setzt der Tätigkeitsbericht eine wissenschaftliche Berichtigung gegenüber: die Lohnsumme liegt heute nicht bei angeblich 39 v. H., sondern sogar bei über 55 v. H. des Nettosozialproduktes. Dementsprechend verringerte sich die Gewinnquote unter den Stand der Vorkriegszeit. Im übrigen steht Deutschland mit seiner Reallohnentwicklung seit Ausbruch des Koreakonfliktes an der Spitze aller anderen europäischen Staaten.

Der Bericht der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände läßt erkennen, mit welcher Verantwortung jedes Lohngespräch zwischen den Sozialpartnern a priori belastet ist – eine Belastung übrigens, die sich für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung nur dann fruchtbar auswirken kann, wenn sie auch von der anderen Seite erkannt wird und zur Maxime des Handelns auf beiden Seiten gemacht wird. DM.