Von Friedrich Sieburg

Diesmal, geneigter Leser, beginnt es wieder mit einem Märchen der Brüder Grimm. „Sachse kommen durch die ganze Welt“, heißt es und hebt so an: „Es war einmal ein Mann, der verstand allerlei Künste; er diente im Krieg und hielt sich brav und tapfer, aber als der Krieg zu Ende war, bekam er den Abschied und drei Heller Zehrgeld auf den Weg. Wart, sprach er, das lasse ich mir nicht gefallen; finde ich die rechten Leute, so soll mir der König noch die Schätze des ganzen Landes herausgeben.“

Wenn der verbitterte Mann heute lebte, müßte er sich an seinen Abgeordneten wenden und, falls dieser ihm keine Genugtuung verschaffte, seiner Wiederwahl entgegenwirken. Damit vergeht aber viel Zeit. Der Abgeordnete will nichts hören oder muß erst seine Partei fragen. „Kannst du dich nicht einfach im Plenum zum Wort melden?“ fragt der verbitterte Mann, „stelle einen Antrag oder bringe eine Interpellation an.“

Der Abgeordnete lächelt schmerzlich und erwidert etwas verschämt: „Für einen Antrag brauche ich mindestens zehn Unterschriften, für eine Interpellation sogar dreißig...“

Da wird der verbitterte Mann ungeduldig, schüttet das Kind mit dem Bade aus und spricht der Volksvertretung jeden praktischen Wert ab. Aber er tut noch mehr. Er geht ins Land hinaus, er findet die rechten Leute, und mit diesen gründet er einen Verband. „Drei Heller Zehrgeld“ nennt sich der Verband mit feiner Ironie. Der Vorstand besteht aus sechs Leuten. Unser Mann wird Vorsitzender und verfügt bald über eine gewaltige Gefolgschaft, die sich in Sälen versammelt, Entchließungen einbringt und sogar in der Lage ist, Sprecher zu den zuständigen Sachbearbeitern, ja zu den Ministern selbst zu entsenden.

„Der Bundestag ist gar so übel nicht“, denkt der verbitterte Mann, der mittlerweile Bundesvorsitzender seines Verbandes ist, und ist schon halb versöhnt. Er trifft jetzt auch häufig mit den Vorsitzenden anderer Gruppen „auf der Bundesebene“ zusammen. Wenn er sich auch im stillen wundert, daß es so viele sind, so befindet er sich doch wohl in ihrer Gesellschaft und fühlt durch sie seine Stärke vervielfacht. Die Abgeordneten fürchten ihn, die Beamten weichen ihm aus, solange sie können. Die Minister sagen „Mein lieber Freund“ zu ihm und suchen vorüberzueilen. Kurz und gut, nach einem Jahr ist unser Mann Sachbearbeiter in dem für seinen Verband Zuständigen Ministerium, und er denkt: „Die Verwaltung ist so übel nicht.“

Drei Heller Zehrgeld. – Das ist in der Tat beschämend wenig, und niemandem soll es versagt sein, das Staatsgefüge so lange abzuklopfen, bis er eine brüchige Stelle findet, die ihm Zugang zur Macht verspricht. Aber was vermag der einzelne? Er vermag. alle vier Jahre zu wählen oder, genauer gesagt, einer Parteiorganisation seine Stimme zu geben. Die Händler mit photographischen Artikeln, das Personenbeförderungsgewerbe, die ehemaligen Berufsunteroffiziere, die Altrentenempfänger, sie alle sind als Einzelpersonen wohl meist arme Teufel. Aber zu Gruppen geschlossen, können sie Sternfahrten veranstalten, ihre Schaufenster leerhalten und Delegierte ernennen. Recht so, regt euch, Bürger, und seht zu, daß ihr den behördlichen Sachbearbeiter zu fassen kriegt. Ihr seid nicht zu tadeln, selbst wenn ihr als Gruppen so mächtig werdet, daß ihr die politischen Parteien und Fraktionen gegeneinander ausspielen könnt. Zu tadeln sind nur die Gewalten und Einrichtungen, die vor euch kapitulieren und euren Vertretern Aufgaben zuweisen, die zu lösen ausschließlich Sache des Parlamentes und der Exekutive ist.