Wenn auch Länder und Zeiten wechselten, das Grandhotel blieb. Aus dem steifen Hotelsalon wurde eines Tages eine Hall plus Bar. Das Doppelzimmer wechselte Holzart und Farbe, aus dunkler Eiche wandelte es sich zu Schleiflack, die schweren Plüschportieren wichen freundlicherem Kretonne. Aber es verharrte standhaft bei seiner Grundstruktur, und das Einbettzimmer blieb ein Stiefkind der Hotellerie. Viele Jahre sind darüber vergangen. In den Bergen, an der See stehen die Grandhotels fest gemauert in der Erden und bieten den Stürmen der Zeit Trotz. In den Großstädten, für sachliche Reisezwecke, erhalten sie jederzeit ihre Daseinsberechtigung. Aber zur Erholung begann sich schon vor dem letzten Krieg und erst recht seit seinem Ende ein neuer Stil zu entwickeln. Menschen, die sich erholen wollen, möchten zwar der eigenen Häuslichkeit entfliehen, aber keineswegs dem Begriff der Häuslichkeit, des Persönlichen überhaupt. Sie suchen es wieder auf einer höheren Stufe; sie suchen gewissermaßen die Perfektionierung des eigenen Geschmacks, das, was sie sich selbst noch nicht leisten können, oder als Wunschziel noch gar nicht klar erkannt haben. Und somit sind wir beim Paying-Guest-Haus angelangt.

Das Paying-Guest-Haus darf nicht groß sein, es muß gerade noch wirken wie eines jener geräumigen Privathäuser, die man sich vor fünfzig Jahren baute; aber es darf beileibe nicht den Stil jener wilhelminischen Villen haben. Mehr als höchstens zwanzig Gäste sollten darin keine Aufnahme finden können. Eines der frühesten seiner Art, unweit Garmisch gelegen, nahm seinen Gästen einen für Vorkriegsbegriffe reichlich hohen Pensionspreis ab; ich glaube zwanzig Mark. Aber dafür konnte man sich zu jeder Mahlzeit jedes Getränk wählen, man bekam nach Tisch seinen Schwarzen und auch seinen Kognak oder Benediktiner, und alles war im Preis einbegriffen.

Ein anderes Haus, das auf Sylt liegt, baute seinen Besuchern zum Mittagessen ein unwahrscheinliches Büffet auf. Am Abend stand dann die Besitzerin in einem lang herabfließenden Abendkleid am Mitteltisch und gab persönlich die Suppe aus; sie war nicht Wirtin, sondern Hausfrau. In den unteren Räumen, die mit wenigen schönen antiken Möbeln ausgestattet sind, befindet sich die Bibliothek des Hauses, kostbar gebundene Bücher, Erstdrucke und Unica. Wer will, kann sich jedes Buch aus dem Fach holen und sogar mit in sein Zimmer nehmen, selbst in den Strandkorb. In diesem Haus und ein oder zwei ähnlich geführten pflegten Künstler zu wohnen, sommers wie winters. In der Wärme dieser sturmumtosten Friesenhäuser ist mehr als ein Buch und mancher Film entstanden. (Es gehört aber immerhin eine finanzielle Arriviertheit dazu, um der Arbeit diesen ruhigen, äußerst komfortablen Rahmen zu sichern.)

Diese Art Umgebung ist für sensible und ruhebedürftige Menschen schon im klimatisch ständig schwankenderen Sommer ein Gewinn. In den kurzen Wintertagen, nach den Anstrengungen der Skitour in Sonne oder Schneefall, ist sie ein doppeltes Plus. Ich kenne in Kitzbühel ein Schloß aus dem sechzehnten Jahrhundert mit Eichentruhen und Ritterrüstungen in den Gängen und wunderbar behaglichen Zimmern, die modern installiert und antik eingerichtet sind. Alte Schlösser sind natürlich ein besonders geeigneter Hintergrund für den neuen Erholungsstil, aber auch geräumige Bauernhöfe machen sich gut. Einen weiß ich, der in der Lüneburger Heide liegt, sehr wenig Gäste aufnimmt und ein kleines einsames Juwel ist, sechs Kilometer von der Bahnstation entfernt.

Im übrigen merken es auch die Hotels, wohin die Geschmacksrichtung der Kultursüchtigen und zugleich -übersättigten läuft. Eine große Anzahl von Skiläufern geht Jahr für Jahr in ein bestimmtes Hotel im Schwarzwald, das der aus altem Bauerngeschlecht stammende Besitzer unter sorgsamer Erhaltung der Balkendecken, der niedrigen und winkligen Räume mit allem Komfort ausgestattet und diesem noch die stilgerechte Nuance alter Himmelbetten und Bauernschränke hinzugefügt hat. Ganz zu schweigen von dem stets ausverkauften Salzburger Hotel unweit Mozarts Geburtshaus, wo Decken und Böden ein bißchen schief sind und das Ganze mit vollkommener Sicherheit im Salzburger Bauernstil eingerichtet ist, vom Lampenschirm bis zur Kaffeetasse – wobei modernes Kunstgewerbe sich zwanglos einfügt.

Die Hotels und Grandhotels, die mir persönlich Platzangst machen, haben trotzdem keinen Grund zur Trauer. Sie behalten ihre Besuchermajorität, die eine gänzlich neutrale Umgebung suchen. Martha Maria Gehrke.