Als Mrs. Anne Eleanor Roosevelt im April 1945 nach dem Tod ihres Gatten und Vetters fünften Grades in New York eintraf, um sich ein neues Heim zu suchen, wurde sie auf dem Zentralbahnhof von einer Gruppe Journalisten empfangen, die sie baten, doch kurz über ihre Zukunftspläne zu berichten. „Gehen Sie nach Hause, meine Herren“, sagte die Witwe, „die story ist nun aus...“

Hier irrte Mrs. Roosevelt. Als sie das Weiße Haus verließ, in dem sie dreizehn Jahre lang residiert hatte, war nur ein Kapitel beendet. Die story aber ging weiter. Die ehemalige First Lady der Vereinigten Staaten war zu einem viel zu unentbehrlichen Requisit des American Way of Life geworden, als daß die Neue Welt auf sie hätte verzichten können. Millionen von Lesern, die jahrelang in über fünfzig Zeitungen tagtäglich den kurzen Aufsatz der Präsidentin „My Day“ gelesen hatten, erwarteten eine Fortsetzung von Eloanores Geschichte. So übernahm Mrs. Roosevelt in Ladies Home Journal eine monatliche Frage- und Antwortspalte. So zog sie als Vertreterin Amerikas in die Vereinten Nationen ein. Und der Zufall will es, daß gerade in diesen Tagen, da sie an Stelle des erkrankten Warren Austin die Leitung der amerikanischen Delegation auf der UNO-Vollversammlung zu Paris übernommen hat, daß gerade in diesen Tagen die deutsche Übersetzung ihres zweiten Buches herauskommt. „This is my story“ hieß Eleanor Roosevelts erstes Werk, das im Jahre 1937 erschien. „This I remember heißt die Fortsetzung der story („Wie ich es sah“, Humboldt-Verlag, Wien).

371 Seiten füllt das, woran Mrs. Roosevelt sich erinnert und was sie der Aufzeichnung für wert erachtet. Wie in allen ihren Veröffentlichungen bedient sie sich auch diesmal jenes Stiles, der von ihren Freunden als liebenswerte Offenheit, von ihren Gegnern als unerträglich süße Banalität bezeichnet wird. Häusliche Sorgen und politische Ereignisse werden von der Autorin mit der gleichen Sorgfalt behandelt. Sie schreibt: „Kein Hund war im Weißen Haus richtig glücklich, bis auf Fala, der ein Teil von Franklins Leben wurde.“ Und wenig später berichtet sie bewundernd über den Besuch des englischen Königspaares im Sommer 1938 „Ich war von der Königin entzückt, sie hatte nie ein Fältchen an ihrem Gewand oder ein Haar am falschen Platz. Ich weiß nicht, wie man es anstellt, so vollkommen zu bleiben.“ Einige Jahre danach hat ihre Hochachtung vor gekrönten Häuptern wesentlich nachgelassen. „Am Tage bevor Churchill uns im Juli 1942 verließ, kam der junge König Peter von Jugoslawien ins Weiße Haus. Franklin sagte damals zu mir: ‚Dieser junge Mann sollte vergessen, daß er König ist und sich an die Arbeit machen. Er würde dabei auf die Dauer besser abschneiden.’ Daran muß ich denken, wenn ich ihn jetzt mit seiner Frau und seinen Kindern sehe. Auf einen Thron zu warten, ist wirklich keine sehr befriedigende Beschäftigung.“ – Der ungewöhnlichste Besucher des Weißen Hauses aber war zweifellos weder ein regierender noch ein vertriebener Souverän, sondern der sowjetische Außenminister Molotow. Mrs. Roosevelt berichtet: „Einer der Kammerdiener Weißen Hauses war ganz verblüfft gewesen, als er Molotows Koffer auspackte und darin ein großes Stück schwarzen Brotes, eine Stange Wurst und eine Pistole fand. Der Geheimdienst hatte für Besucher mit Pistole nicht viel übrig, aber in diesem Fall wurde nichts gesagt. Molotow hat offensichtlich geglaubt, er würde sich vielleicht verteidigen müssen und Hunger leiden. Ich hatte ihn sehr gern...“

„Ich war ein scheues, unbeholfenes, nicht hübsches Kind und hatte Angst vor allen Gesellschaffen und Bällen“, erzählte Mrs. Roosevelt in „This is my story“. In „This I remember“ – das in einem Augenblick erscheint, die Anti-Roosevelt-Propaganda auch in Amerika breitere Schichten erfaßt – beschäftigt sich die Verfasserin ungleich weniger mit ihrer eigenen Person, als „mit der ihres Mannes. Der Präsident, so sagt sie und will damit offenbar allen gegen ihren Gatten gerichteten Angriffen die Spitze abbrechen – der Präsident „kann zu niemandem stehen als zu seinem Lande; und das erweckt manchmal den Anschein, als wäre er seinen Freunden gegenüber untreu.“

Am Schluß ihres Buches gesteht Mrs. Roosevelt, daß sie während der ganzen Zeit im Weißen Haus ein ziemlich unpersönliches Leben geführt habe. „Ja, es scheint mir fast, daß ich ein wenig außerhalb meiner selbst lebte, als ein mir beinahe fremdes Wesen, das die Frau des Präsidenten war. Und diese Unpersönlichkeit war der Grundton all meines Fühlens und Schaffens, bis ich das Weiße Haus verließ.“ Dennoch zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch die schrankenlose Verehrung der Witwe für den verstorbenen Präsidenten. Und so kann man nur annehmen, daß die Autorin manchesmal selbst nicht merkt, wenn sie durch ihre Erinnerungen die echt amerikanische Politik der Inspirationen des Präsidenten bloßstellt. So schreibt sie über die Konferenz von Yalta, an deren Folgen die Welt noch heute krankt: „So oft Franklin von seinen, Erlebnissen in Yalta erzählte, nannte er sein Zusammentreffen mit König Ibn Saud eine der interessantesten und farbenprächtigsten Episoden auf dieser Reise... Franklin fand Gefallen an Ihn Saud und hielt ihn für ein treffliches Exemplar eines Kriegerkönigs, doch mußte er die Hoffnung fahren lassen, dem Volk Ibn Sauds zu besseren Lebensbedingungen verhelfen zu können.“

Ein Abgeordneter aus den Südstaaten soll einmal geschrieben haben: „Wenn der Schöpfer alle amerikanischen Eigenschaften und Fehler bis zur Übertreibung in einer Frau hätte vereinigen wollen, dann wäre als Meisterwerk die jetzige Präsidentin herausgekommen.“ Ob es stimmt oder nicht – Mrs. Roosevelt selbst ist jedenfalls gleicher Meinung. Der Psalm 23, den ihr Mann so liebte, ist auch ihr Lieblingspsalm: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ –i.