E. London, im Dezember

Vertreter aller Parteien des englischen Parlaments haben sich in der vergangenen Woche im Ober- wie im Unterhaus negativ zur Europa-Politik geäußert. Dabei wurde eindeutig offenbar, daß die Einstellung der konservativen Regierung zu den Hauptfragen der europäischen Zusammenarbeit sich von derjenigen ihrer Vorgängerin kaum unterscheidet. Wenn trotzdem von einer gewissen Enttäuschung auch der englischen Meinung gesprochen werden kann, so nur deshalb, weil die Sprecher der gegenwärtigen Regierung es genau sowenig wie die der früheren Regierung vermochten, ihrer in Wirklichkeit durchaus nicht nur negativen Politik einen entsprechenden Ausdruck zu verleihen. In Wirklichkeit ist Großbritannien um sehr positive, realistische Ziele bemüht, für die die Integration Europas einen wichtigen Eckpfeiler darstellt; aber es gelingt der Regierung nicht, diese Politik überzeugend darzustellen. Man hatte sich vom neuen Staatssekretär, Anthony Eden, nach seinem verheißungsvollen Debüt in den Pariser Vorbesprechungen zuviel versprochen. Man glaubte, er werde Wege weisen zur Überbrückung der Gegensätze und Widersprüche, die die westliche Welt trotz aufrichtigstem Bemühen um eineharmonische Koordinierung noch immer auseinander zu treiben drohen. Wohl hat Eden mit einigem Erfolg in die internationalen Auseinandersetzungen einen ruhigeren Ton hineingetragen, vielleicht wird es ihm auch gelingen, „die Temperatur der internationalen Debatte“, wie er sich ausdrückt, herabzusetzen. Die gute Wirkung dürfte aber rasch verpuffen, wenn nicht bald positive Handlungen folgen. Eden selbst glaubt sich mit einem Versuch der Lösung „begrenzter und spezifischer“ Probleme begnügen zu müssen, womit er Schritt um Schritt hofft, „das Mosaik eines dauernden Friedens“ zusammenfügen zu können. Ob die Bescheidenheit seiner Zielsetzung so realistisch ist, wie er meint, bleibe dahingestellt. Sie mag zwar ein gewisses Vertrauen zwischen Ost und West wieder etablieren, mitreißend bei der Überwindung der Hindernisse, die sich einer entschlossenen Koordinierung der Westmächte entgegenstellen, wirkt sie aber nicht. Das Bedürfnis namentlich Westeuropas nach einer starken Führung in seiner Schicksalsstunde bleibt unbefriedigt. In dieser Hinsicht ist das Versagen Edens eklatant.

Noch sind die Hoffnungen auf eine positive Mitwirkung Großbritanniens unter der neuen Regierung nicht erschöpft. Noch ist es zu früh, um selbst Edens Chancen abzuschreiben. Wohl aber ist das Augenmerk der englischen Öffentlichkeit heute mehr denn je wieder auf die Persönlichkeit Churchills gerichtet, auf Churchill als Verkörperung des westlichen Willens zur Selbsterhaltung, als Führer aller friedliebenden Völker, der Format genug besitzt, um alle Hindernisse kleinlicher Selbstsucht oder Rivalität aus dem Weg zu fegen. Seine Absicht, nach Neujahr zur vertraulichen Besprechung der Weltprobleme nach Washington zu reisen, ist hier wie auf dem Kontinent warm begrüßt worden. Man verspricht sich viel von diesem Besuch. Man ist überzeugt, daß Churchill die Interessen der Alten Welt wiekein anderer zu vertreten vermag, fest, soweit es sich notwendig erweist, elastisch und großzügig, soweit es um die Erhaltung des amerikanischen Vertrauens geht. Denn mit Churchill sind sich viele der zunehmenden Gefahr bewußt, Amerika werde sich durch die Uneinigkeit Europas entmutigen lassen und sich an unserem Schicksal wieder desinteressieren.