Malcolm Lowry: Unter dem Vulkan. Roman. (übersetzt von Clemens ten Holder, Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 393 S., Leiner 18,– DM.)

Lovry gehört zu jener kleinen Schar orignalschöpferischer amerikanischer Epiker, die so sehr von ihrem erzählerischen Dämon besessen sind, daß man auf sie mit Recht schon mehrfach das indische Sprichwort angewendet hat: „Wer einen Tiger reitet, kann nicht mehr absteigen.“ Der sprachliche Duktus seines Romans, ein feuerflüssiger Wort- und Bilderstrom, in welchen entgegengesetzte Elemente vom mythischen Urgestein bis zum Geröll des modernen Alltagvokabulars organisch eingeschmolzen sind, scheint ebenso vulkanischen Ursprungs zu sein wie die zum Schauplatz gewählte mexikanische Landschaft,

Wer, in der Tradition des psychologischen Romans befangen, in der Geschichte des Konsuls Firmin nur die Tragödie eines Trinkers sehen wollte, hätte Lowrys Grundmotiv völlig verkannt. Für ihn bedeutet der selbstzerstörerische Rausch seines Helden zugleich eine welterneuernde, schöpferische Macht. Diese Trunkenheit macht hellsichtig, indem sie das Tagesbewußtsein betäubt, sie zersprengt die kausalen Kettenglieder des überalterten erstarrten Weltgefüges und schafft so die Voraussetzung für eine neue ekstatische Schau der Menschen und Dinge. Ihr vernichtendes Gift ist zugleich ein Heiltrank gegen die Öde und Verarmung unseres Zeitalters. In der Weltschau des berauschten Firmin ist der Mensch wieder eingeordnet in einen größeren Naturrhythmus und in einen in sich geschlossenen Kosmos mythischer Gewalten. Auch die schablonenhaft starre Sprache hat sich durch den „alchimistischen“ Läuterungsprozeß im Schmelztiegel der Dinge, Worte und Begriffe erneuert und verjüngt.

Der Konsul, Lowrys stark autobiographisch wirkender Held, trägt in seinem trunkenen Rebellionsdrang gegen die Welt alltäglicher Nüchternheit prometheisch-tragische Züge. So sehr steht seine Gestalt im Mittelpunkt, daß den anderen Figuren manchmal die Luft zum Atmen und der Raum zum Leben zu fehlen scheint. Sie alle haben zugleich individuellen und symbolischen Charakter. In Yvonne, der ungetreuen Geliebten, die durchaus als Mensch unserer Tage lebendig wird, verkörpert sich das Urprinzip des Weiblichen. Obgleich sie reuevoll zu ihrem Mann zurückkehrt und alle psychologischen Voraussetzungen für eine Versöhnung gegeben scheinen, kann sie nicht angenommen werden, da die in der Welt wirkende Liebeskraft nicht groß genug ist, um die von Gott verfügte Trennung der Geschlechter und Seelenhälften zu – überwinden. Hugh, des Konsuls jüngerer Bruder, verwirklicht dessen lichtere und einfachere Natur und kann daher den Untergang des Trunk- und Todessüchtigen überleben. Laruelle, der Verführer, trägt wie ein alter ego spiegelbildlich verkehrte Züge seines Freundes und Nebenbuhlers Firmin.

Trotz dem scheinbar uferlosen, assoziativen Gedanken- und Bilderfluß, bei welchem Innen- und Außenwelt ständig ineinander übergehen, vollzieht sich die in den Zeitraum eines einzigen Tages verlegte Handlung folgerichtig und fugenlos und ist von starker innerer Spannung erfüllt. Die Natur spielt in ihr die Rolle einer archaischunerbittlichen Schicksalsmacht, welche die Katastrophe zum Ausbruch treibt.

Geno Hartlaub