In der Wirtschaftspresse ist die Entflechtung der I. G. Farbenindustrie ein beliebtes Thema geworden. Bis jetzt wurde diese Angelegenheit, die in das gesamte Wirtschaftsleben der Bundesrepublik eingreift, sachlich diskutiert – wobei man feststellen konnte, daß die Konzeptionen der Alliierten, mit mehr Entgegenkommen behandelt wurden, als mitunter, wirtschaftlich tragbar erschien. Seit Mitte November nun hat sich der Ton etwas geändert, und – wenn man auch vielem zustimmen möchte – die Gesichtspunkte, die neuerdings in den Vordergrund geschoben werden, stimmen bedenklich.

Daß die Besetzung der führenden Stellen von großer Bedeutung ist, wird niemand abstreiten. Sollte man aber die Frage der Personen nicht noch etwas zurückstellen, auf jeden Fall aber die Polemik vermeiden? Denn zu leicht könnte entgegengehalten werden, daß hier lediglich persönliche Interessen vertreten werden. Dabei wäre doch heute auch sachlich so viel zu sagen: Man könnte die Bundesregierung noch einmal ganz energisch fragen, warum sie der Verselbständigung des Werkes Cassella zustimmte, das seinerzeit gegen die Meinung der Sachverständigen behauptete, selbständig existieren zu können, und das nun unter Ausnutzung der föderalistischen Sonderinteressen und Unterstützung durch staatliche Stellen eine Erweiterung in Bayern sucht, wobei die berechtigten Interessen des (zukünftigen) Maingaus bezüglich des Werkes Bobingen von diesen Seiten mit allen Mitteln schärfstens bekämpft werden. Technisch scheint allerdings nicht alles so zu sein, wie man es erwartete. Denn der Wert der Orlonfaser, die Cassella-Mainkur herstellen will, ist in den letzten Monaten auf Grund amerikanischer Erfahrungen so stark in Frage gestellt, daß eine Reihe von amerikanischen Planungen zugunsten von neueren und besseren Fasermaterialien zurückgestellt wurde, da man die Vorzüge von Orlon gegenüber den bekannten Fasern für Neuinvestierungen als nicht ausreichend betrachtet.

Weiterhin erscheint es unverständlich, wie man zulassen kann, daß früheres Eigentum einer der Maingaufabriken nun plötzlich an andere Interessenten verkauft werden soll. Zu denken ist an das Werk Gerstenhofen, eine Gründung der Farbwerke Hoechst. Endlich muß auch einmal über Kalk gesprochen werden, das nach dem vergeblichen Versuch des Verkaufs durch die Alliierten überhaupt nicht mehr erwähnt wurde.

Auch die Frage, was mit dem I. G.-Besitz in Bayern geschehen soll, muß jetzt beantwortet werden. Dort hat die Maingaugruppe durch die Farbwerke Hoechst eine 50prozentige Beteiligung an den Wacker-Werken. Nun spricht man davon, daß dieser Anteil der zukünftigen Maingaugruppe einen anderen Besitzer finden soll.

Bei der Betrachtung des Gesamtbildes erinnert man sich unwillkürlich daran, daß vor nicht zu langer Zeit in einer Tageszeitung für die Obereignung von Anteilen der Duisburger Kupferhütte an ausländische Interessenten der Ausdruck „Versilbern“ gebraucht wurde.

Alle diese Vorgänge werden in wenigen Jahren in einem anderen Licht erscheinen als heute. Wem man dann die Verantwortung zuweisen wird, ist heute noch nicht klar, da die Zuständigkeit der drei wesentlichen Kreise, nämlich der TRIFCOG, der Bundesregierung und der I. G.-Liquidatoren bei der völligen Auflösung der I. G. Farben noch nicht feststeht. Darf man hoffen, daß die deutschen Partner, Bundesregierung und sämtliche Liquidatoren, einer weitgehenden Zersplitterung, zu der auch die Schaffung einer vierten bayerischen Chemie-Gruppe führen würde, ablehnend gegenüberstehen? egg