Von Egon Vietta

Man glaubt Istanbul die Museen nicht. Ja, wer in Florenz oder Paris einkehrt, der weiß: die Galerie im Palazzo Pitti, die Uffizien, der Louvre, das Rodinmuseum, das sind Städte in der Stadt. Aber die schwere Kuppel der Hagia Sophia und die spitzen Minaretts der Moscheen, die sich aus den verschlungenen Gassen fontänengleich in die Luft heben, weigern sich, Istanbul mit einem Netz von Baedeckersternen zu überziehen. Die Bestrebungen der modernen Türkei gihen darauf aus, das Land dem Tourismus zu öffnen und die Wegweiser der Touristen in jeder wichtigen Stadt anzubringen: die Museen.. In Ankara hat mir der Direktor sein stattliches ethnographisches Museum gezeigt, und diese künstliche Schöpfung war genau so berechtigt wie das Pressebüro und die Banken im anatolischen Hochland, das noch vom Jahre dreitausend vor Christi Geburt träumt. Aber in Istanbul hat es die moderne Entwicklung verstanden, die eigentümliche Luft der Banken und Hotelpaläste mit orientalischem Geist zu verzaubern, und die Stadt ist der „Entführung aus dem Serail“ näher geblieben als Casablanca oder Alexandria..

Heute ist der Serail ein Museum. Die französischen Diplomaten und europäischen Forscher, die in dem Palast antichambriert haben, um ein freundliches Lächeln des Wesirs oder einen Freibrief des Sultans zu erlangen, sind den Scharen von Touristen gewichen, die in der kurzen Besuchszeit vom Alexandersarkophag bis zum Harem durchzubilden hoffen. Die Schätze des Serail sind kaum geringer als die Sammlungen des Vatikans und für gewisse Perioden, wie den Hellenismus, einzigartig in der Welt. Der träumerische Gartenpalast der Osmanen heißt eigentlich: Top Kapu Serai, auf dem Sultan Mohammed 1468 einen Sommerpalast errichtet hatte. Sultan Suleiman (1520 bis 1566) hat den Palast zu einer Residenz ausgebaut. Erst im Jahre 1839 wurde diese Residenz durch die Talmipracht des Dohna Bagtsche abgelöst.

Heute arbeiten die Gelehrten an der Restauration der Irenekirche vor dem Eingang des Palastes, die unter dem byzantinischen Herrscher Justinian 532 nach Christus gebaut wurde. Die christlichen Kirchen dienen wie die Hagia Sophia nicht mehr dem islamischen Kult, sondern werden auch in Museen verwandelt. Aber die Fremden wandeln ungläubig in die Palasträume hinein, die noch halb Museum, halb Erinnerung sind. Um den weiten Serailhof gruppieren sich die Waffensammlungen, die persischen Emails, die Teppiche und die kostbaren Handschriften, die ein wahrer Triumph der Abstraktion sind. Kaum sind die Vitrinen katalogisiert. Es gibt keinen Museumsführer. Die Ordnung der Schätze scheint zufällig. Der Versammlungssaal für die Wesire, die Küchen des Sultans, seiner Mutter, seiner Sultaninnen und Obereunuchen, das Tor der Glückseligkeit, das Bab i Seadet: das sind Märchen aus Tausendundeiner Nacht, nicht Museumshallen und Katalognummern. Der Bagdadkiosk, den Murad IV. nach der Einnahme von Bagdad (1638) hingezaubert hat, ist ein Gedicht aus Fayencefliesen, die gestickten Diwane, die Intarsien sind wie eine Ghasel, ein türkisches Versspiel. Die Terrasse ist in Grün gebettet, das aus dem goldenen Horn heraufleuchtet und mit dem purpurdunklen Meer zu einem köstlichen Gewebe verflochten ist.

Vielleicht liegt es daran, daß die Türken noch nicht gewohnt sind, ihre jüngste Vergangenheit historisch zu sehen wie wir Europäer im industriellen Zeitalter. Denn das eigentliche Museum von Istanbul gilt den antiken Reichtümern, die jenseits der türkischen Geschichte liegen. Aber auch hier ist eine gewaltige Veränderung im Gange. Die Ausgrabungen in Bogazköi, in Vorderasien und Mesopotamien haben die Geschichte in eigentümliche Bewegung gebracht: sie öffnet immer neue Kulissen und rückt jetzt bis zu der Einwanderung der hettitischen Eroberer (2000 bis 3000 v. Chr.) in die graue Vorzeit zurück. Gewiß, Istanbul hat kein hettitisches Museum, das mit dem in Ankara vergleichbar wäre, obschon auch dieses erst im Entstehen ist. Aber die Sphinxe von Alasa Höyük, die hettitischen Könige und mesopotamischen Fürsten aus I.agaš starren aus dem Dunkel einer Vergangenheit, die selbst einem Herodot verschlossen war. Der sogenannte Alexandersarkophag, der aus Sidon stammt, fehlt in keiner Kunstgeschichte. Die Sarkophage der satanischen Königsgräber sind so wohl erhalten, als seien sie erst gestern gemeißelt worden, ja am Alexandersarkophag finden sich noch Spuren der Bemalung. Aber der Sarkophag der klagenden Frauen aus dem vierten Jahrhundert vor Christus ist ein Fries der Trauernden, wie ihn die Kunst nur selten hervorgebracht hat, ein Gesang, der durch achtzehn Frauengestalten hindurchtönt, unvergeßlich in seiner würdigen Stille, packender als die prächtige Realistik des Alexandersarkophags. Hier weilen die antiken Götter, wie wir sie aus der späthellenistischen Dichtung kennen, mit all dem romantischen und magischen Zauberglanz, der über der müden Spätantike leuchtet. Aber sie ermüden uns. Wir glauben nicht mehr an ihre Anwesenheit. Wir sind des klassizistischen Formenspiels überdrüssig. Doch es ist die Brücke zum Mittelalter, die letzte Stufe vor der seltsamen Verwandlung, die wir dem Christentum verdanken.

Das Christentum triumphiert in der Hagia Sophia, die von den Architekten Anthemios aus Tralleis und Isidoros aus Milet in den Jahren 532 bis 537 nach Christus gebaut wurde. Zehntausend Werkleute haben an dem Wunderwerk gearbeitet, das die Majestät des Gottessohnes über der heidnischen Antike feiern sollte. Heute kopieren englische und amerikanische Studenten die spätbyzantinischen Mosaiken im Galerierundgang. Ein Eintrittsgeld wird erhoben, der goldene Innenraum dem Besucher wie ein Riesenmuseum gezeigt. Aber die alteingesessenen Europäer behaupten, ein mohammedanischer Gottesdienst in der Moschee sei ein einzigartiges Erlebnis gewesen, der Bau habe durch das Museum nicht gewonnen. Es geht eine merkwürdige, vornehme Kälte von dem Prachtbau aus. Wir sehnen uns wieder nach der Krypta, der schmalen Basilika, in der das Geheimnis nicht durch die kaiserliche Prachtentfaltung übertrumpft und entweiht wird. Der Direktor gestattet dem Besucher, die Restaurationsarbeiten an den Mosaiken in der Galerie zu besichtigen. Unter ihm rundet sich der schimmernde Zentralbau. Wie Goldgehänge schwebt die Kuppel, das Vorbild der islamischen Moscheen von Istanbul, über dem Raum. Das architektonische Rätsel liegt aber in der Verbindung von Kuppel und Basilika, in dem Obergang der weströmischen Architektur in oströmische Zentralbauten.

Der Übergang der beiden Welten ist in der Kahriemmoschee an der theodosianischen Stadtmauer noch besser zu studieren. Dieses Juwel war ursprünglich das Kloster Chora, was so viel wie „auf dem Lande“ heißt. Es wird von Bostoner Gelehrten (Neuengland, USA) instand gesetzt. Die Mosaiken sind freigelegt. Die antiken Marmorplatten, die Glut der Mosaiken, die das Leben Christi, Maria, der Patriarchen schildern, werden erst zur vollen Geltung kommen, wenn die Restauration abgeschlossen ist: während der Arbeiten ist es nicht leicht, in die Kirche einzudringen, die als Moschee gedient hatte.