Ich war ein Seekadett und sammelte Pünktchen, Die Aufgabe eines jeden Kadetten der Kriegsmarine war es, Pünktchen zu sammeln; denn nach einem Punktsystem wurde er berechnet, eingestuft und befördert. Ich fühlte mich entsetzlich bedrängt durch dieses unheimliche, wesenlose System und begann mich aufzulehnen gegen Zensuren und Zahlen, die mit der Qualifizierung von Menschen zusammenhingen, die zwar „geheim“ waren und nur in Personalakten gebucht wurden, die aber existierten. Ich beschloß, meine Personalakte zu stehlen. Es gelang mir erst als Oberleutnant. Aber von da an hatte ich meine Seelenruhe wieder.

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Es gibt heute – vor allem in der Industrie – eine Reihe sehr ausgefeilter, ausgeklügelter Systeme, den unbekannten Anwärter auf irgendein Amt, einen Posten in irgendeinem Unternehmen auf Anhieb zu qualifizieren. Diesen Anhieb nennt man Test. Es gibt sehr viele Tests, Unc sie sind auch keineswegs nur dazu da, einem Unternehmer oder einem Chefbürokraten die Eignung des Kandidaten zu garantieren. Man kann mit ihnen Kinder erziehen lernen, Berufe auswählen, die Richtige heiraten, mildernde Umstände ermitteln und so weiter. Man selbst, die Eltern, die Kinder und die Dummen haben also ihrei Vorteil davon. Kurz: Teste sind roundabout eine Methode der psychologischen Diagnostik und fungieren vor allem als Funktions- und Intelligenztests, Charakter- und Persönlichkeitstests Ein trostreiches Unterfangen ... ? Aber es hat einen Haken: Das Pünktchensystem dringt durch, immer mehr, immer intensiver. Dem Unternehmer, dem Direktor, dem Personalreferenten wird das Testergebnis um so unentbehrlicher wie die Zahl seiner Arbeitnehmer, seiner Angestellten zunimmt.

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Vor fünfzig Jahren, als Binet und Simon das Testen erfanden, da kannte jeder Unternehmer seine Pappenheimer noch selbst. Heute aber übersieh: der Chef seine Leute nicht mehr. Der Rationalisierungsprozeß hält seinen Einzug in die Gehirnwindungen der armen Massenangestellten. Sie werden getestet. Sie kriegen einen Intelligenzquotienten und werden fein säuberlich eingestuft. Der Quotierte ist seiner Hülle entblößt, spaziert nackt durch die Karteien wie ein Badegast im Schwimmbad, der für seine Garderobe eine Blechmarke – mit eingestanztem Intelligenzquotienten – erhalten hat, die er sich ans Bein bindet. Und auf den Karteien hocken die lustigen kleinen Reiterchen, die roten, grünen, blauen und gelben, für die Klugen, weniger Klugen und noch weniger Klugen.

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Notwendigkeit, ja, Notstand und Versuchung müssen auseinandergehalten werden. Der Notstand liegt angesichts der Mammutbetriebe, der Riesen-Heere, der Bürokratien nahe. Er bringt die Versuchung, daraus ein Prinzip zu machen, mit sich. Die deutsche Gerichtsbarkeit erkennt die Aufgabe des Psychiaters und des Psychologen, vor allem, soweit seine Untersuchung eine Belastung des Angeklagten bedeutet, nur als richtungweisend, keineswegs als entscheidend an. Das ist rechtsverbindlich festgelegt. Aber wer kann an anderen Stellen eine solche Rechtsverbindlichkeit garantieren, die dem Selbstbewußtsein eines deutschen Kandidaten einen Rest von Auftrieb läßt? Da hat der Kandidat mit Bauklötzen und Puppen gespielt, geknetet, seine Phantasie an Tintenklecksen ausprobiert, gedichtet und kombiniert und sieht seine womöglich unantastbare Wertung in die Karteien wandern, von Menschen, die ihm fremd sind, geordnet. Eines Tages hat er sich einen handfesten Minderwertigkeitskomplex aufgehalst und wird das Gefühl nicht los, daß die Chefsekretärin, die er eben auf der Straße getroffen hat, zu ihrem Begleiter sagt: „Du, da geht der Angestellte X mit dem Intelligenzquotienten 90, ein ziemlicher Idiot“ (Sekretärinnen haben dafür ein gutes Gedächtnis). Das sie ihn für einen Idioten halten mag, erträgt er schon, aber daß er einen halb schwachsinnigen Intelligenzquotienten hat, das muß ihm unerträglich sein. Am Ende-steht der Fragebogen: Sind Sie schon einmal intelligenzmäßig und charakterlich getestet worden? Wenn ja, welchen Quotienten erhielten sie? Und wirklich: Es gibt in der amerikanischen Besatzungszone offizielle Fragebogen, in denen die Fragen 39b und d lauten: „Sind Sie jemals wegen geistiger oder seelischer Störungen in Behandlung gewesen?“ und „Haben Sie in den vergangenen zwölf Monaten häufig berauschende Getränke im Übermaß zu sich genommen?“ Das Maß ist dabei nicht angegeben. Da soll man sich nicht betrinken? Armes Pünktchen, das man geworden ist!