Was sollen die düsteren Prognosen vom abgestorbenen Geist? Der Geist lebt, wenn auch nur im defizienten Modus des Volkshochschulgeistes. – „Ihr guten Leute, geht nach Hause“ sprach der evangelische Pfarrer und Leiter einer Sartre-Diskussion im überfüllten Hörsaal zu Hamburg. Aber die guten Leute gingen nicht. Sie standen auf einem Bein, das Gesicht im Nacken ihres Vordermanns, die Arme zwischen zwei Rücken verklemmt, weil sie hören wollten, wie zwei evangelische Theologen, ein Jesuit, zwei Journalisten und ein theologischer Laie über Sartres „Der Teufel und der liebe Gott“ diskutierten. Sartre war natürlich nicht dabei. Es ist die Frage, ob er früher gegangen wäre, hätte er unter den Zuhörern gesessen. Ich glaube es nicht. Sicher hätte ihn, den Franzosen mit dem „lutherischen Ressentiment“, das Studium dieser Weise deutscher Geistigkeit interessiert.

Einer der evangelischen Pastoren, der grüblerischste aber nicht der klarste der angetretenen Redner war es, der auf Sartres säkularisiertes Luthertum, auf den Stachel im Fleisch französischen Charmes, französischer Grazie und geistig spielerischer Leichtigkeit aufmerksam machte. Er zeigte, daß jener Stachel Sartre bis ins Herz getroffen hatte, aus dem nun ein beklemmender Strahl Innerlichkeit tropfte, der uns Deutsche stutziger machte als die Thesen des existenzphilosophischen Systems

Natürlich meint Sartre nicht alles so ernst, wie an jenem Diskussionsabend die Redner (mit Ausnahme von einem der Journalisten, der Theaterkritiker ist und sozusagen das Augenzwinkern des Bühnenautors Sartre gesehen hatte und danach wußte, was einen Theaterbesessenen alles reizt). Aber mit großem Ernst ist ja schließlich auch ein Mann wie Hemingway Sartre begegnet, und das Ergebnis war, daß er seine Philosophie für „Mist“ erklärte. – „Na und?“, würde Sartre antworten.

Na und? – haben sicher auch einige der Zuhörer gesagt, als sie nach der Diskussion im strömenden Regen auf die Straßenbahn warteten. (In aller Welt, glaube ich, fahren die Teilnehmer am objektiven Volkshochschulgeist hinterher in Straßenbahnen nach Hause, und es wäre einmal der Mühe wert zu beweisen, daß es in der Tat in keinem Verkehrsmittel einen so schönen Platz zum Weiterdiskutieren gibt, wie es die Plattform einer Straßenbahn ist.) Was haben sie nun eigentlich gesagt? wird zwischen den einzelnen Stationen, dem Kreischen der Bremsen und dem Geräusch der überholenden Autos gefragt. Also zuerst sagte der Jesuit (in einer protestantischen Großstadt ist der Jesuit in der Erinnerung allemal der erste, wenn er auch, wie an diesem Abend, eigentlich der dritte Redner war), er lehne das Wort „Der Zweck heiligt die Mittel“ ab, obwohl er Jesuit sei. Dafür verlange er eine situationsgerechte Entscheidung. Wenn es also die Situation erfordert, kann man doch jemanden totschlagen... Merkwürdig, im Saal vorhin schien ein so großer Unterschied zwischen seiner Position und dem Sprichwort, aber in der Straßenbahn scheint es fast dasselbe ... Dann sprach der kleine Laie mit der Brille und dem Temperament: er meinte, Sartre habe einen Komplex, weil er in der Résistance Deutsche töten mußte ...

Was nun wurde an jenem Abend „erhellt“? Der liebe Gott? Der Teufel? Jean Paul Sartre? Ein junges Mädchen erklärte mir, ihm seien die Existenzen der Streiter deutlich geworden: der eine evangelische Redner, sagte sie, fühlte sich wie auf der Kanzel; er wippte mit den Beinen, kullerte mit der Stimme und verlas zum Schluß Bekanntmachungen, wie nach der Predigt. Und von einem der Journalisten meinte sie, er sei zwar nicht der klügste, aber der charmanteste gewesen, während der Jesuitenpater hinwiederum nach ihrer Ansicht vielleicht der klügste, aber beileibe nicht der charmanteste war.

Ich meine nun aber, daß außerdem natürlich an jenem Abend auch noch manchem ein weiteres Stück Existenz erhellt worden ist. Ich sah eine Dame mit strengen Gesichtszügen und Hornbrille, die mit einem Leuchten in den Augen aus der stickigen Luft des Saals ins dunkle Freie trat.

P. Hübnerfeld