Von Christian E. Lewaller

Die Welt außerhalb des Eisernen Vorhanges verdankt dem Exkommunisten Koestler die entscheidenden Erkenntnisse über die unheimliche und fast unwiderstehliche Prägekraft, mit der das Sowjetsystem seine Funktionäre zu Figuren formt, die sich, des Selbstbewußtseins und der Scham beraubt, auf dem strategischen Schachbrett der Weltrevolution hin und her bewegen lassen. Man hat diese Erkenntnisse längst aufgenommen und sich, dank Koestler, abgewöhnt, diese Deformierung der Menschen verwunderlich zu finden. Aber man dankt – in dem stolzen Gefühl, daß man selber nie Bolschewist war – Koestler mit dem Mißtrauen, das Konvertiten nur widerwillig von Verrätern unterscheidet. Man hält ihn, weil er zweimal den Glauben gewechselt hat, für unzuverlässig. Im Grunde seiner Seele, so argwohnen die Psychologen der klaren Front, sei Koestler immer noch dem Kommunismus hörig. Denn warum wohl sonst bleibe das Sowjetsystem das zentrale Thema aller seiner Romane? Als ob es nicht auch noch andere Fragen in der Welt gäbe!

Aber Koestler ist nun einmal obstinat. Er ist aus seinen Erfahrungen nicht herausgeschlüpft wie eine Schlange aus ihrer Haut. Ihn läßt die Frage nicht los, wie dies alles möglich wurde: der immense und feinmaschige Apparat des Stalinismus, die Anfälligkeit der radikalen westlichen Intelligenz für die Drohungen und Lockungen des östlichen Systems, die Maskeraden des Friedens und der Humanität. Und er sieht, daß die mächtigsten geschichtsbildenden Impulse – Glaube, Hoffnung und Liebe – nur darum vom Kreml aus pervertiert werden können, weil sie anderswo nicht mehr ungebrochen zur Geltung kommen. Das Moskauer Als-Ob (der Weltkommunismus als Reich der Endzeit) ist dem westlichen Als-Ob (der vorgetäuschten Christlichkeit, Demokratie und Freiheit) nach demselben Gesetz überlegen, nach dem die Barbarei über die Dekadenz zu triumphieren pflegt, sobald diese sich für stark ausgibt. Koestler weiß genau, daß zwischen der Barbarei vor der Zivilisation und der, die nach dieser kommt, unterschieden werden muß. Aber er erkennt auch, daß im Sowjetsystem (anders als in der dekadenten Barbarei des Nationalsozialismus) das Primitive und Archaische sich mit dem Höchstrationalisierten und Morbiden begegnet und verschmilzt. Rußland und Asien sind eben noch voreuropäisch genug, um aus der nacheuropäischen Zerfallssituation nicht Ansteckung, sondern Kraft zu schöpfen.

Mit einer Kühnheit sondergleichen stellt Arthur Koestlers neuester Roman diese Gegensätze heraus, die unser „Zeitalter der Sehnsucht“ bestimmen. Die deutsche Ausgabe (im S. Fischer Verlag, Frankfurt, von Karl-Ulrich von Hutten mit staunenswerter Geschmeidigkeit in Koestlers Muttersprache übertragen, 462 S., Leinen 18,50 DM) ändert den englischen Titel „The Age of Longing“ in: „Gottes Thron steht leer“. Aber nicht Ode erfüllt Koestlers imaginäres Paris irgendeines Jahres zwischen 1950 und 1960, in dem die Handlung angesiedelt ist, sondern das wirre und überscharfe Fahnden nach einem Halt für Sinne, Seele und Verstand. Inbild dieses so rabiaten wie kühlen Suchens ist die amerikanische Offizierstochter Hydie Anderson, enttäuschte Katholikin, von einem Kindheitstrauma um die Unbefangenheit gebracht, aber wach und glaubensdurstig geblieben. Ihr begegnet der Russe-Armenier Fedja Nikitin, Kommissar mit hochgeschultem Gehirn und unentwurzelbarem mythischem Glauben an das Proletariat und das goldene Zeitalter. Sie verfällt ihm mit Leib und Geist – bis er, im Übermut seiner Rabulistik, ihre Leiblichkeit (ihre Weiblichkeit) robust und schnöde mißachtet. Das erweckt sie zum Selbstgefühl. Der Liebeshaß der Judith treibt sie zur Mordtat, die – in der Fabel des Romans – ihre eigene, ganz persönliche Tat ist, in der Dimension des Gleichnisses aber der „Waldgang“, der einsame Widerstand der Person gegen die Automaten.

Nicht Meinungen, nicht einmal Überzeugungen können dem Leviathan ein Gegengewicht bieten, sondern nur die tätige Entscheidung des ganzen Menschen. Das ist es, was die Propagandisten des Antibolschewismus in ihrer Routine stört und weshalb Koestler ihnen so ungemütlich ist. Wenn er gegen die „Halbjungfrauen der Demokratie“ das Wort ergreift, gegen die Neutralisten und die Leute von der „Dritten Kraft“, dann applaudieren sie. Daß er aber ihre Normalisierung des Widerstandes, ihren Aberglauben an die Publizistik lächerlich findet, mögen sie nicht. Es wird lange dauern, bis sie ihm den Untergang des „Helden der Kultur“ Leontjew verzeihen, der vom Leviathan abfällt, weil er in der Wahrheit leben möchte, aber durch den Auftrag des amerikanischen Verlegers sogleich wieder in die Unwahrheit gerät.

„Es gibt in der Politik nicht Schwarz und Weiß“, hat Koestler früher schon gesagt, „aber es gibt den wesentlichen Unterschied von Schwarz und Dunkelgrau“. Er ist auch jetzt, Was den Westen betrifft, kein Weißseher – und das macht sein ebenso profundes wie elegantes Buch zu einer der unerläßlichsten und wesentlichsten Lektüren dieser Jahre.