Die Leierkästen plärrten, und die Stimmen der Marktschreier, die damals noch ohne Mikrophon die Massen betören mußten, überschlugen sich. Der Jahrmarkt stand wie ein Dschungel des Irrsinns in Blüte. Und junge Mädchen gingen wiegenden Schritts von Bude zu Bude mit einem Glanz in den Augen, als wären sie unterwegs auf der Straße der großen Verheißungen.

Vor einer Bude, die bunt bemalt war, als wäre irgendwo eine Farbenfabrik explodiert und hätte ihre Vorräte über die Bretterwände ergossen, stand Wowoka, der letzte Häuptling der Pajute-Indianer. Er stand aufrecht da in der Pracht seines Kriegsschmucks, und die Abendsonne verfing sich in den Adlerfedern, die er als Kopfputz trug. Das heißt, ganz aufrecht stand er nicht, er mußte sich etwas stützen. Denn man hatte ihm wieder Schnaps gegeben. Immer, wenn der Abend kam und der Jahrmarktsbetrieb sich zu einer bizarren Sinfonie aus Getöse, Geschrei und Gekreisch steigerte, gab der weiße Mann, dem die Schaubude gehörte, ihm Feuerwasser, ihm, Wowoka, dem letzten Häuptling der Pajute-Indianer.

So stand Wowoka da im sinkenden Tag, umbrandet vom Gejohle der Menschen und gestreichelt vom Abendwind, der von weither aus den freien Prärien kam. Durch den Nebel, den der Alkohol zwischen ihn und die Welt gelegt hatte, hörte er. die Stimme des Ansagers, der ihn, Wowoka, Häuptling der Pajute, als Anführer des letzten Indianeraufstandes gegen die Weißen feierte. Diese Stimme war grell und verlogen. Sie pries die Taten Wowokas, als wären sie einem Heldenepos entnommen, obwohl es doch eigentlich vom Standpunkt des weißen Mannes nur Untaten sein konnten.

So stand Wowoka, der letzte Häuptling der Pajute-Indianer, da wie ein fremdes Tier in einem engen Käfig. Seine Nachbarschaft waren Isolde, „die Dame ohne Unterleib“, und Moto-Boy, das Phänomen, halb Puppe, halb Mensch. Er begriff nichts von den Dingen, die um ihn geschahen. Manchmal, wenn er nüchtern war, dämmerte es ihm: sie hatten ihn, als der Aufstand mißlungen war, nicht erschlagen; sie hatten ihm Schlimmeres angetan: sie hatten ihn zu Jahrmarkt begnadigt. Sie schleiften ihn als Sehenswürdigkeit durch die (Lande, von Jahrmarkt zu Jahrmarkt, sie sonnten sich in ihrer Großmut, daß sie ihm das Leben gelassen hatten, und sie spreizten sich im Gefühl der Macht, aus der sie ihn, Wowoka, den großen Häuptling der Pajute-Indianer, zum Hampelmann in einer Schaubude gemacht hatten.

„Dies ist der Mann, der der Adler über der Prärie hieß und der einst ausritt, um den weißen Mann zu vertreiben und der geschworen hatte, er würde nicht ruhen und rasten, bis alle Weißen nichts mehr seien als kleine Fische in den großen Flüssen...“ So schrie die Stimme des Ansagers in die sich vor der Bude, stauende Menge. Wowoka hörte die Worte von weit her wie aus einer anderen Welt. Seine Lippen murmelten, wie es die Lippen von Betrunkenen manchmal tun: „... kleine Fische in den großen Flüssen...“

Wowoka brauchte nichts zu tun. Die gefangenen Adler in den großen Vogelkäfigen tun auch nichts; sie hocken da und lassen sich anstarren. Genau dies war Wowoka aufgetragen. Erst stand er vor der Bude, dann zeigte er sich auf der Bühne im Innern. Hier setzte er sich schließlich nieder und rauchte bedächtig eine Friedenspfeife.

Manchmal geschah es, daß die Leute ihm Tabak zuwarfen oder eine Zigarre oder etwas zu essen. „Alter Hühnerhabicht“, schrien sie, „steck dir einen Glimmstengel an!“