In diesem Jahr ist der deutsche Roman wieder wesentlich geworden und hat ein eigenes Gesicht bekommen. Wahrhaftigkeit, Selbstkritik, energisches Fragen nach den Wurzeln von Schuld und Sünde, Mitleid mit dem auf sich gestellten Menschen kennzeichnen ihn. Hemingway, Faulkner und Thomas Wolfe sind seine Lehrmeister gewesen. Die große französische Romankunst dieses Jahrhunderts – Marcel Proust, Roger Martin du Gard – hat nicht so direkt gewirkt. Das mag daran liegen, daß der französische Romancier sich immer der Kunstform des Romans bewußt ist und mit ihr spielt, auch dort, wo er, wie in Gides „Falschmünzern“ oder in Sartres „Wegen der Freiheit“, um dieselben Grundthemen kreist wie der deutsche Roman von heute.

Vier neu übersetzte Bücher geben Beispiele für diese französische Eigentümlichkeit.

Germaine Beaumonts „Engel am Abend“ (Verlag Otto Erich Kleine, Braunschweig, 192 S., Leinen 7,60 DM) hat eine Fabel von schöner Einfachheit: ein alternder Maler wird durch eine kurze letzte Liebe zu einem sehr jungen Mädchen aus dem Alltag zu neuem Schaffen befreit. Sinn und Plastik gewinnt dieses Thema aber erst dadurch, daß von Kapitel zu Kapitel die „Einstellung“, wie es in der Filmsprache heißt, wechselt und die in die Handlung verflochtenen Personen jeweils paarweise wie zu Großaufnahmen gruppiert.

Pierre-Henri Simons „Grüne Trauben (Verlag Josef Knecht, Frankfurt a. M., 262 S.) ist als Doppelroman gebaut. Das Bibelzitat des Titels bezeichnet das Thema: den Kampf der Generationen, Vater und Sohn in Verstrickung und Haß zueinander. Simon nimmt nicht Stellung. Er gibt zwei Aspekte, indem er zunächst den Vater und dann den Sohn dieselben Geschehnisse berichten läßt. Dieser scheinbare Kunstgriff enthält schon ein Urteil: keiner hat ganz recht, keiner kann ganz recht haben.

Robert Morels „Weinberg der Gerechten“ (Verlag L. Schwann, Düsseldorf, 368 S., Leinen 12,80 DM) arbeitet am Beispiel eines Fürsorgezöglings in einem französischen Bergdorf das Motiv: „Ihr laßt den Armen schuldig werden“ heraus. Auch dieser bedeutende Erzähler der jungen Generation (er ist achtundzwanzig Jahre alt) entwickelt sein Thema auf drei Stufen: dem Leser werden aus einer Gerichtsverhandlung die Aussagen des angeklagten Zöglings, der ihn anklagenden Bauersfrau und der ihn schützenden Fürsorgerin mitgeteilt.

Sogar Jean Giono, der kraftvollste der französischen Epiker, bedient sich in seinem Nachkriegsroman „Ein König allein“ (J. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart, 277 S., Leinen 11,80 DM) der aufsplitternden und wieder zusammenfügenden Technik des Berichtes von verschiedenen Zeugen. Er läßt sich, dem Autor, die Einzelheiten der tragischen Geschichte von dem „König ohne Vergnügen“, einem grimmigen Haudegen, der ein Alpendorf tyrannisiert, von den Dorfbewohnern nach und nach mitteilen, bis sich erst am Ende das Gesamtbild ergibt.

Die wüste Leidenschaft, das Sichauslebenmüssen als Verhängnis – das ist wohl kaum je der Rohstoff des deutschen Romans gewesen, am wenigsten heute, wo die gebrochenen Naturen das Interesse der Dichter fesseln. Eine hemmungslose Morbidität, wie sie in Maurice Druons „Sturz der Leiber“ (Verlag der Europäischen Bücherei H. M. Hieronimi, Bonn, 368 S., Lernen 14,80 DM) den Grundton bestimmt, wäre in Deutschland nur an den Randbezirken des Verbrechens anzutreffen, kaum aber in der großstädtischen Boheme. Der Kurfürstendamm ist nicht mehr eine Chiffre für Dekadenz, wie es der Boulevard Montparnasse immer noch sein kann.