Das Experiment von Nehmten: Ordnung ohne Drill und selbstverständliche Kameradschaft

Von Peter Loschew

Im Hof des Schlosses wird die schwarzrotgoldene Fahne der Republik gehißt. Das dünne Läuten einer Schiffsglocke scheucht – wie allmorgendlich – die Gänse des Gutes durcheinander. 80 Jungen aber stehen unbeweglich, stehen angetreten im Karree und singen: „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren ..“ Ihre Atemwolken steigen empor zum blaßblauen Himmel des kalten Herbstmorgens. Ein neuer Tag ist angebrochen für das Schloß in Schleswig-Holstein und seine seltsamen Bewohner.

Vor ein paar Monaten war es, da flog die Nachricht durch die deutschen Nord- und Ostseehäfen, daß ein Hamburger Reeder die beiden ehemaligen deutschen Segelschulschiffe „Pamir“ und „Passat“ zurückerworben habe, um sie wieder mit Kadetten zu bemannen. Schliewen ist der Name des Reeders, der im Zeitalter der technisierten Dampfschiffahrt den romantischen Windjammer nicht vergessen konnte. Und in den Hafenkneipen hieß es damals, er wolle wohl den Klabautermann vorm Radar-Tod erretten. Bis hoch hinauf nach Schottland drang die Geschichte. Professor Kurt Hahn hörte von ihr, der Gründer des deutschen Internats Salem, der heute im Norden Großbritanniens eine neue Schule der Selbstbewährung führt. Er traf mit dem nächsten Flugzeug in Hamburg ein. „Das ganze große Experiment ist gefährdet“, sagte der Erzieher zu dem Reeder, „wenn sie die Jungen unvorbereitet auf die Schiffe stecken. Denn dort ist keine Zeit mehr zur Erziehung. Dort werden sie nur das Seehandwerk erlernen, wenn sie nicht vorher eine Gemeinschaft geworden sind. Das ist gewiß viel. Aber es könnte eben unendlich viel mehr noch werden.“ So entstand der Plan. So wurde das Schloß Nehmten des Grafen Plessen am Plöner See zur Seekadetten-Schule.

Leben im Schloß ohne Luxus

Die Flaggenparade im Schloßhof ist vorüber. 80 Jungen sitzen in blauen Rollkragen-Sweatern und blauem „Takelpäckchen“ an rohen Tischen beim Frühstück. Aus ihren Taschen gucken blauwollene Pudelmützen, und von den Wänden sehen feingliedrige Damen und Herren mit Taft-Rüschen und Spitzen-Jabots erstaunt aus abgeblätterten Goldrahmen auf diese seltsame Wurstbrote und Haferbrei essende Versammlung. Für zwölf Stunden werden nun die Schlafzimmer oben im zweiten Stock verwaist liegen. Sie sind spartanisch eingerichtet. Ein Bett und ein Hocker für jeden; dazu kommen je zwei Spinde für zehn Mann auf dem Flur. Das ist alles. Aber auch an Bord wird es keinen Luxus geben. Und die Vorbereitung für das Leben an Bord, das ist nun einmal das A und O der Ausbildung, die jetzt gleich, um 8.25 Uhr, nach dem Frühstück im Erdgeschoß, ihren Anfang nimmt. 80 Hocker werden gerückt. 80 Kadetten drängen schiebend und schwatzend zum Ausgang. Der Dienst kann beginnen.

Vor etwa neun Wochen wurde die Schule eröffnet. Die Kadetten, die sich bei der Hamburger Reederei beworben hatten und angenommen wurden, sind Jungen im Alter von 14 bis 21 Jahren. Manche von ihnen sind schon als „Moses“ auf Schiffen verschiedener Staaten gefahren, manchehaben gerade ihr Abitur hinter sich. Einige trieben sich seit 1945 auf den Landstraßen Deutschlands herum, andere wurden ihr junges Leben lang nur in Limousinen einherkutschiert. Zehn der 80 Kadetten sind Engländer. Und sie alle sind nun, ohne Rücksicht auf soziale, altersmäßige und nationale Unterschiede kunterbunt durcheinandergewürfelt und wie an Bord in „Wachen“ eingeteilt. Eine der „Wachen“ hat jeweils „Wachschaft“, das heißt, sie macht sauber, oder besser „Klarschiff“, sie hilft in der Küche, oder besser in der „Kombüse“, und sie hält des Nachts am Seesteg Posten, oder besser „Bootswache“. Die anderen „Wachen“ haben Unterricht.