Alfred Polgar: Begegnung im Zwielicht (L. Blanvalet-Verlag, Berlin, 245 S., Leinen 9,50 DM).

„Anekdoten“, so heißt es in einer der Skizzen dieses neuen Bandes kurzer Prosastücke, „obliegt nicht die Aufgabe, komplett wahr, sondern nur die, so leuchtkräftig zu sein, als sei in ihre Erfindung ein glänzendes Splittereben der Wahrheit eingefaßt.“ Solche seltenen Schmuckstücke, deren kunstvoll gearbeitete Filigranfassungen Augen und Sinne erfreuen, finden wir auch unter den in diesem Buch vereinigten Schätzen aus der Polgarschen Werkstatt. Durch ihren vollendeten Schliff glänzen und funkeln diese „Splitterchen der Wahrheit“ auch dann, wenn die in ihnen enthaltene Grundsubstanz trübe, dunkel und schwer wie das Leben selber ist. – „Die Schönheit überspielt die tristitia vitae“, wie es in einer Studie über das greise Antlitz der Duse ausgedrückt wird. Diese pristina vitae ist bei Polgar durch die trüben Zeitläufte noch größer und tiefer geworden, wie es scheint. Besonders in den längeren Skizzen, die an persönliche Erlebnisse aus den letzten beiden Jahrzehnten anknüpfen, schimmert die Traurigkeit der Seele durch das lichte und heitere Formenspiel, Dann wieder geht sie vollkommen auf in der sinnlichen Anschauung einer Parabel, einer Metapher oder einer Humoreske. Auffallend sind die zahlreichen Variationen der Klage um die Vergänglichkeit des Irdischen, die wiederholten Begegnungen im Zwielichtbereich des Todes, dessen Schatten und Schleier jedoch niemals die Leuchtkraft und Klarheit der Polgarschen Sprache zu trüben oder den geschlossenen Kontur seiner knapp geprägten Kunstform zu verwischen vermögen. G. H.