Ehe Universitätsrektoren aus Amt und Würden scheiden, pflegen sie noch eine Rede zu halten. Sie sagin dann: „Herr Gouverneur, meine Herren Minister, etc. pp.“, und dann sollen sie sagen: „Danke – für Ihre großzügige Förderung von Lehre und Forschung; danke – für das viele Geld!“ Der Staat erwartet, daß jedermann seine Pflicht tut; also erwartet er von Magnifizenz, daß sie ein Magnificat anstimmt...

Als kürzlich der Rektor der Münchner Universität, Professor Gerlach, die Kette und die Geschäfte übergab, enttäuschte seine Abschiedsrede solche Erwartungen. Die anwesenden Minister kamen nicht auf ihre Kosten, offenbar, weil sie’s sich zuwenig hatten kosten lassen. Die Hochschule sei mangelhaft vom bayrischen Staat unterstützt worden, sagte Gerlach, bedeutende Wissenschaftler hätten wegen der „rückständigen Arbeits- und Unterrichtsbedingungen“ einen Ruf nach München abgelehnt; es fiel das harte Wort vom „Niveau einer Provinzhochschule“. Vorerst saßen die Ehrengäste starr, bald sollten sie in Bewegung geraten. Der Rektot fuhr ohne Furcht, doch mit viel Tadel fort: „Was über den Wiederaufbau unserer Universität zu sagen ist, ist weder viel noch interessant, denn es wurden keine nichtgenehmigten Bauten errichtet und keine nichtvorhandenen Gelder verbraucht, ja nicht einmal die zugewiesenen Mittel überschritten.“ Diese Ironie, die es wagte, eine „Provinz“ – hochschule gegen ein Residenztheater auszuspielen, war zuviel des Schlechten: Ministerpräsident und Landtagspräsident verließen die Aula.

– Die Wissenschaft ist nun einmal ein Stiefkind des Staatssäckels – darob erstaunt bald niemand mehr, darüber trauert nur noch mancher. Wenn aber die Stiefväter nichts davon wissen (wollen), daß sie Stiefväter sind, wird es mehr als bitter, nämlich peinlich – ob in München, ob in Hamburg. Die bayrischen Staatsvertreter glaubten vielleicht, man müsse eine Universitätsmisere – wenn sie überhaupt vorliege – totschweigen; eine Hamburger Zeitung, die unlängst die fünfjährige Amtszeit des Hansestadt-Senats feierte, sie glaubte anscheinend, man könne gewisse Universitätsauftriebe – wenn sie überhaupt nicht vorliegen – lebendigschreiben. Und sie schrieb: „Es ist uns gelungen, nach dem Kriege Künstler, Wissenschaftler und Lehrer von internationalem Rang in unsere Vaterstadt zu ziehen. Das ist der wesentlichste Erfolg, aus dem alle anderen Fortschritte resultieren.“ Bleiben wir bei den Wissenschaftlern (die Künstler, die wieder gingen, sind nicht zu zählen): Spranger kam nicht, Pleßner kam nicht, Jordan ging... an der Stadt, nicht an ihnen lag es. Und so konnte Hamburgs Rektor, Professor Snell, in seinem Universitätsbericht am gleichen Ort nichts von diesem „Erfolg“ sagen.

Jene Zeitung wählte die Überschrift „Hamburgs Kultur im Kontobuch der Zeit“. Ja, ja, schon Heine wußte, daß in Hamburg nicht der schändliche Macbeth, sondern Banko regiert. Kultur und Wissenschaft à Konto – ist man erst beim Addieren, gerät man leicht ins Multiplizieren: minus mal minus gleich plus. Al.