Von Martin Rabe

Der Hang unserer Zeit, das geschriebene oder gesprochene Wort durch eine Folge von Bildern zu ersetzen, ist oft und mit Recht beklagt worden. Um so erfreulicher ist es, daß auf dem Gebiet der Kunstliteratur eine Tendenz zum Umschwung festgestellt werden kann: Das Monopol der Abbildungsbände mit mehr oder minder gewichtigen Einleitungen, die der Käufer nicht zu lesen pflegt, scheint endgültig gebrochen zu sein dadurch, daß einige große deutsche Verlage zu der Tradition zurückgekehrt sind, bekannte Gelehrte über wichtige Themen ausführlich schreiben zu lassen und diese Bücher reich zu illustrieren.

Der Verlag F. Bruckmann, München, hat in diesem Herbst gleich drei Bücher dieses so sehr zu begrüßenden Typus herausgebracht. Da ist zunächst eine Einzeldarstellung: Hermann Beenken „Rogier von der Weyden“ (236 S., 131 Abb., 4 Farbtafeln, Leinen 29,– DM). Diese große Figur unter den flämischen Malern gibt der Kunstgeschichte viele Probleme auf, personelle im Zusammenhang mit seinem Lehrer, dem Meister von Flémalle, der wahrscheinlich Jean Campin hieß und mit dem ihn einige heute identifizieren möchten (so Max J. Friedländer), aber auch entwicklungsgeschichtliche, die sich in die Frage kleiden lassen: War die Malweise des Rogier von der Weyden rückschrittlich mit einer Wiederanlehnung an das Mittelalter (wie gleichfalls Friedländer dies behauptet), oder ging sie in ihrer Entwicklung zukunftsweisend weit über die Brüder van Eyck hinaus, wie Beenken dies – unserer Meinung nach überzeugend – nachweist. Der Verfasser diskutiert in seinem Buch diese Probleme in Argumenten und Gegenargumenten gewissermaßen mit sich selbst und nimmt dadurch den Leser gefangen. Aber – und das ist ein großer Vorzug – er bleibt nicht im Formal-Entwicklungsgeschichtlichen befangen, er stellt auch eine Verbindung her zwischen Werk und Persönlichkeit, zwischen der großen Leistung, daß Rogier das „Raumproblem in ganz neuer Weise in die Gruppierung der Figuren verlegte“, und seiner besonderen Frömmigkeit, die ihn den „inhaltlichen Kreis seiner religiösen Bilder in ganz bestimmter Weise begrenzen“ läßt. Denn Rogier schildert in diesen Werken nicht Christi Wirken in der Welt, sondern nur die Epiphanie, Christi Tod, sein Wiedererscheinen und den Tag des Jüngsten Gerichts. Der Beschränkung des Räumlichen auf die Figuren entspricht also eine Beschränkung bei den religiösen Themen auf jene, bei denen der Herr ganz allein im Mittelpunkt des Geschehens steht, eine Parallele, die Beenken als erster gesehen hat.

Noch stärker auf die Persönlichkeit des Künstlers geht Ulrich Christoffels „Eugène Delacroix“ ein. (76 S., 88 Abb., 8 Farbtafeln, Leinen 24,– DM.) Zwar schildert der Verfasser auch die formale Entwicklung, die die spontane temperamentvolle Malweise des großen Franzosen genommen hat, aber nicht um ihrer selbst willen, sondern im Zusammenhang mit der innigen Verbindung, in der Delacroix mit allen Strömungen seines romantischen Zeitalters stand. Delacroix las, „darin der Tradition des achtzehnten Jahrhunderts nahestehend, die alte und neuere Literatur mit dem Skizzenbuch in der Hand, in das er die malerischen Szenen jeweils aufzeichnete“. Christoffel gliedert denn auch sein Buch nicht historisch, sondern thematisch, also nach dem, was auf den Bildern dargestellt ist. Das galt eine Zeitlang als sehr demode. Jedoch hat der Verfasser in seinem Buch bewiesen, daß dies vom Geistesgeschichtlichen her sehr modern sein kann.

Die dritte Bruckmann-Publikation ist einem großartigen und weithin unbekannten Kapitel der deutschen Malerei gewidmet (Hans Tintelnot: „Die Barocke Freskomalerei in Deutschland“. 36 S., 166 Abb., 3 Karten, 8 Farbtafeln, Leinen 48,– DM.). Die Grenze zwischen Schein und Wirklichkeit in einem gesteigerten Illusionismus zu überschreiten, das war, so beweist der Verfasser, das Besondere der deutschen Monumentalmalerei des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, dasjenige, was sie von der italienischen und französischen Kunst der gleichen Zeit unterscheidet. „Das Streben des deutschen Illusionismus beschränkt sich nicht auf die Perspektive und Optik oder die Scheinarchitektur allein. Die deutsche Freskomalerei versucht, zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts Mittler zwischen den Welten des Diesseits und Jenseits zu sein, sie erstrebt und erreicht eine sinnverwirrende Grenzverwischung zwischen Schein und Wirklichkeit, Himmel und Erde, Realität und Irrealität.“ Von jener zugleich melancholischen und erregenden Stimmung, die das sterbende alte Reich auszeichnete, ist diese Kunstepoche stark beeinflußt, mit deren Meistern, von denen manche vergessen waren, Hans Tintelnot uns vertraut macht.

Noch allgemeinerer Natur – insofern, als es nicht die Kunst einer Epoche, sondern einen besonderen Ausschnitt der Kunst, die Zeichenkunst nämlich, aus mehreren Epochen zum Thema hat – ist ein Buch, das der Verlag Gebr. Mann, Berlin, vorlegt: Friedrich Winkler: „Die großen Zeichner“. (176 S., 126 Abb., 1 Farbtafel.) Es sind die großen Zeichner vom Ende des vierzehnten bis zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, von Jan van Eyck bis zu Francisco Goya, die der Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts in diesem Buch behandelt. Man weiß, daß er berufen ist, über dieses Thema zu schreiben, man weiß auch, wie sehr er es versteht, eine einzelne Zeichnung oder einen Künstler in ihrer Besonderheit zu schildern. Doch konnte man einige Befürchtungen haben, ob es überhaupt gelangen könne, in einer fortlaufenden Darstellung eine Schilderung von der Entwicklung, die die Zeichenkunst in vier Jahrhunderten genommen hat, mit der Charakterisierung der einzelnen Künstler und der Beschreibung einzelner Zeichenblätter zu verbinden. Es ist dem Verfasser gelungen. Und der Leser hat das Vergnügen, nicht nur in die Schönheiten der abgebildeten Blätter eingeführt zu werden, sondern auch die Persönlichkeit der Künstler kennenzulernen und über die allgemeine Entwicklung belehrt zu werden.