Wien, im Dezember

Das Burgtheater hat sich langsam auf das Klassiker-Schultheater spezialisiert. Gewiß soll man die bedeutenden Werke der Vergangenheit pflegen; aber so, wie in der Comédie française: in Inszenierungen, die uns die ewige Gültigkeit der großen Dramatiker demonstrieren. Wir wollen den Kontakt dieser Dichtungen mit unserer Zeit empfinden und nicht das Gefühl haben, in ein theaterwissenschaftliches Museum oder in eine Bildungsstätte für Schülerinnen eines Mädchengymnasiums hineingeraten zu sein. Und gerade das kann man beispielsweise von den Neuinszenierungen der Goethewerke sagen. „Egmont“ und „Götz von Berlichingen“ sind zur Enttäuschung vieler theatralische, auf äußere Effekte aufgebaute bildhaft-schöne Vorstellungen geworden. Während es der unvergeßliche Götz des verstorbenen Heinrich George noch wagte, die berühmt-berüchtigten Worte in seinen Mund zu nehmen und dadurch eine lebensechte, wuchtige Gestalt zu schaffen, stellt Balser – all seinem Können zum Trotz – nur seine eigene Person auf die Bühne und läßt uns vergebens auf die gesunde Entspannung des saftigen Zitates warten.

Die zwei Aufführungen von „Faust I“ und „Faust II“, der erste Teil von Balser, der zweite Teil von Gielen inszeniert –, präsentieren sich in zwei verschiedenen Stilen – ohne jede organische Einheit. Da Balser leider kein Regisseur ist, wird der erste Teil ein trauriger Eindruck sowohl schauspielerisch wie geistig und bildlich. Nur dann und wann klingen die echten Töne Goethes durch, weil Balser die Kunst des Sprechens beherrscht. Sein Faust ist ein großes sprechtechnisches Kunstwerk. Die Dämonie eines Menschen, der Himmel und Hölle in sich trägt, schenkt Balser uns nicht. Der zweite Teil ist weit besser, weil Gielen eine echte, phantasievolle Regiebegabung ist – wenn auch eine zu opernhafte. Hierunter leidet sein „Faust II“, der auch lange nicht geistig genug und im Metaphysischen zu handgreiflich ist.

Aber es bleibt selbstverständlich ein Verdienst des Burgtheaters; Goethe und Schiller, Lessing und Kleist zu spielen. Und es wäre falsch, würde man aus der vorliegenden Kritik nur Negatives herauslesen. In allen Klassikervorstellungen des Burgtheaters sind gute Momente. Aber gerade die sind es, die unsere Forderungen zum viel, viel Besseren steigern. Lessings „Emilia Galotti“ in Gielens Regie, „Nathan der Weise“ in Müthels sowie die Schüleraufführungen zeugen vom germanischen Feuer der Klassiker. Dem gegenüber stehen die kühleren Franzosen, die man natürlich am besten in der Comédie française erlebt. „Der eingebildete Kranke“ in Wanieks Regie mit Hermann Thimig in der Hauptrolle ist nicht französisch genug. Man hat das Stück zu sehr von der Oberfläche aus inszeniert und seine psychologischen Tiefen gar nicht erfaßt. Thimigs Argan ist eine große komische Nummer, die – beim Publikum viel Erfolg hat. Man lacht ununterbrochen über die mimische Genialität des berühmten Komikers. Man freut sich über seinen idiotischen Gang, wenn er aufs Klo stürzt. Die Gestalt wird in Thimigs Darstellung grotesk wie die ganze Inszenierung mit den satirischen Ballettszenen, wo die zwanzig tanzenden Mediziner große Wirkung ausüben. In Molières Stück steckt aber viel, viel mehr. Der eingebildete Kranke ist wirklich krank, ist eine pathologische Figur, übernervös wie Molière selbst, der eine Stunde nachdem er das letztemal die Rolle gespielt hatte, starb, weil er nicht nur in seiner Einbildung krank war. Was Thimig betrifft, muß gesagt werden, daß er sich besser für Raimond und Nestroy als für Molière eignet. Im übrigen ist ihm mancher herrliche Abend im Burgtheater zu danken. Unter seinen vielen klassischen Darstellungen ist besonders der Zettel der Waniekschen „Sommernachtstraum“-Inszenierung hervorzuheben. Thimig spielt eine Parodie auf einen Schauspieler und macht damit die Aufführung zum Publikumserfolg. Aber nicht Zettel, sondern Oberen, die junge Liebende und Puck sind die treibenden Kräfte des Shakespeareschen Werkes...

Unter den vielen Shakespearevorstellungen des Burgtheaters ist immer noch „Hamlet“ in Lindtbergs Regie die am meisten gegebene. Die Aufführung ist besser sowohl als der „Sommernachtstraum“ wie auch als Felsensteins „Zähmung der Widerspenstigen“. Denn was man auch gegen Skodas Hamlet sagen kann, er ist und bleibt eine bemerkenswerte Leistung. An den Abenden, wo er in Form ist, erschüttert er durch die Echtheit seiner Gemütsausbrüche. Dennoch ist er streng genommen kein Hamlet. Es fehlt in seiner Interpretation der Denker, der Philosoph, der geistige Melancholiker – das Genie mit seinem sarkastischen Humor. Diesen konnte vielleicht kein Schauspieler so bezwingend zur Geltung bringen wie – Gösta Ekman. Er vermochte sich mit einem Schelm im Auge über Polonius zu amüsieren und ihn Kalb zu nennen, so daß alle überrascht waren und sagten: Ja, so muß die Szene gespielt werden! Ekman war. der wirkliche, ganze Hamlet, der sich mit einem Male darüber amüsiert, Wahnsinn zu mimen, und der gleichzeitig von der unaufhörlichen Angst verfolgt wird, seinen Racheplan nicht in die Tat umsetzen zu können. In Ekmans Hamlet fühlte man ein geistiges und seelisches Wachsen, auf das man bei Skoda vergeblich wartet. Dennoch wird er Abend für Abend immer besser und kann noch der Burgtheater-Hamlet unserer Zeit werden: Seine Stärke sind die vulkanischen Ausbrüche. Er ist ein eruptiver Schauspieler mit starker Stimmtechnik und einer fesselnden Dämonie. Franz Moor ist wohl seine beste Leistung.

Die letzte Klassikeraufführung des Burgtheaters war jetzt Kleists „Zerbrochener Krug“ in der Salzburger Inszenierung von Viertel, mit Homolka in der Hauptrolle. Gerade bei dieser Aufführung drängte sich einem der Gedanke auf: das ist nicht zeitgemäßes Theater, das ist Museumskunst.

Das Burgtheater der Klassiker muß anders aussehen! Leben, Leben, Leben brauchen wir auch auf dieser traditionsbeschwerten Bühne, die einmal mit der Comédie francaise die Konkurrenz aufnehmen könnte. Solche Zeiten müssen wiederkommen.

Vagn Borge