Zu neuen Büchern von Faulkner und Greene

Von Paul Hühnerfeld

Der eine ist ein „Schriftsteller“, der andere ist keiner – Dichter sind sie beide. Graham Greene ist ein Autor, für den die Sprache und das Schreiben Mittel zur Verkündung jenes Wunders geworden sind, das dem Menschen Greene begegnet ist: Die Existenz Gottes inmitten der diesseitigen Welt. Für William Faulkner dagegen, der nicht nach Stockholm fuhr, um den ihm verliehenen Nobelpreis persönlich entgegenzunehmen („Was soll ich denn unter den Schriftstellern?“) – für ihn ist Sprache und Schreiben eine Seinsweise, die wiederum nacktes Sein aussagt und mit der man nicht hantieren kann wie mit einer nur vom Menschen abhängigen Technik. „Ein Stimmchen, das einer feinsinnigen, gefühlsvollen Poetin meiner Jugendzeit, sagte einmal: Mit den Blättern geht auch der ausgeschüttete Tee dahin, und jeden Tag verlischt eine Abendröte: eine jener dichterischen Übertreibungen, die ... die Wahrheit auf den Kopf gestellt ... denn es ist sowohl die gestrige Abendröte wie der gestrige Tee unzertrennlich von dem ausgeschütteten unzerstörbaren Bodensatz, der durch die endlosen Gänge des Morgens gewirbelt wird in die Schuhe, darin wir gehen – denn man entrinnt nichts, man entflieht nichts.“

An dieser Stelle des nun in der deutschen Obersetzung vorliegenden neuen Romans von Faulkner Griff in den Staub (Scherz & Goverts Verlag, Stuttgart-Hamburg, 276 Seiten) nimmt der Autor selbst durch den Mund einer seiner Gestalten die Abgrenzung vor: „Die Dichter lügen zuviel!“ – dieses von Nietzsche neu formulierte Bedenken Heraklits und Platons ist auch das Bedenken Faulkners. Es geht um die Wahrheit – nur um die Wahrheit:

Ein Neger in den Südstaaten soll einen Weißen getötet haben. Man will ihn lynchen. Zwei junge Leute, ein Weißerund ein Schwarzer, stehen auf des Negers Seite gegen alle. Gegen alle, die wollen, daß der Nigger es getan hat. Aber die beiden Jungen siegen: sie beseitigen den Verdacht, der Neger wird wieder freigelassen. Es ist der erste „Sieg“ in Faulkners Romanen überhaupt – das erste happy end eines Autors, der den Mut dazu hat, wenn es der Wahrheit entspricht.

Wie ein konventioneller Liebesroman dagegen beginnt Greenes Der Ausgangspunkt (Paul Zsolnay Verlag, Wien, 348 S.). Nebel und Regen und ein englischer Novemberabend, ein betrogener Ehemann und einstiger Liebhaber und dann sie: eine schlanke Frau, die ihren Mann zunächst um des Bettes willen betrügt, die dann den Schriftsteller Bendrix liebt, aber selbst in ihrer Liebe noch konventionell bleibt und die sich nach einer Bombennacht des Sommers 1944 plötzlich von Bendrix trennt. Und das ist es, was der Schriftsteller den Greene dieses Buch niederschreiben läßt – nicht versteht. Woher auch sollte er wissen, daß sich ein Anderer in die konventionelle Geschichte eingeschaltet hat – er, für den „die Gegenwart nie der Augenblick ist; sie ist immer das vergangene Jahr oder die nächste Woche ...“ Der Andere ist Gott. Sarah hat ihn angerufen in jener Bombennacht, so wie ein Kind manchmal aus Gewohnheit betet – aber nun ist er da. Er ist da. Er hat sich eingenistet in dem Durchschnittsherzen Sarahs, sie beginnt zu glauben: „Ich habe mich mit dem Glauben angesteckt wie mit einer Krankheit, bin dem Glauben verfallen, wie ich einstmals der Liebe verfiel.“

Sarah stirbt an einer Lungenentzündung. Bei der Beerdigung stellt sich heraus, daß ihre Mutter die Tochter ein halbes Jahr nach der Geburt – um den Vater zu ärgern – katholisch taufen ließ. Sarah hatte es nicht gewußt. Die Magie der Gnade – sichtbar geworden an dem Endpunkt des roten Fadens, an den Er seine Kinder bindet durch das Sakrament der Taufe – wirkt aber noch weiter: Bendrix, der selbstgefällig-oberflächliche Heide, der „am Leben krankt“ und „vor Gesundheit verrottet“, muß nun Stellung nehmen. Jedoch: Die Krankheit am Leben ist eine Krankheit zum Tode; der Verzweifelte kann Gott nicht mehr lieben, er erträgt seinen Akzent nicht mehr. Er kann nur noch um Einsamkeit bitten.