Es gibt heute innerhalb unseres Volkes mehr Trennendes als Verbindendes, und eben dies ist das eigentliche Problem des neuen deutschen Staates. Da sind die Parteien, die nicht die gemeinsame Aufgabe betonen, sondern sich in gegenseitiger Kritik erschöpfen, da ist der Gegensatz von Einheimischen und Flüchtlingen, von Luxus und Armut – aber die tiefste Kluft ist aufgerissen worden durch den unzulänglichen Versuch, mit Fragebögen und Entnazifizierungsverfahren die schlechten Staatsbürger von den guten zu scheiden. Gewiß war es ein begreifliches Verlangen nach dem Zusammenbruch des Hitlerschen Systems, die Verantwortlichen ausfindig zu machen und sie zur Rechenschaft zu ziehen, aber die Methode, ein ganzes Volk in einzelne Kategorien einzustufen: von den Nichtbetroffenen über die Mitläufer bis zu den Kriegsverbrechern 1. Klasse war nicht nur abwegig und unzulänglich, sondern rechtlich unhaltbar und politisch gefährlich.

Kein Wunder, daß viele junge Deutsche, die individuell keines Verbrechens schuldig sind und die oft sogar gegen ihren ausdrücklichen Willen zur Waffen-SS gezogen wurden, heute aber mit dem Odium belastet sind, einer verbrecherischen Organisation angehört zu haben, verbittert abseits stehen oder sich gegen den neuen Staat organisieren. Um so erfreulicher ist es, daß der frühere Generaloberst Hausser als „Doyen“ der Waffen-SS jetzt im Namen seiner früheren Kameraden dem Bundestag eine Erklärung abgegeben hat, in der er scharf jeden Radikalismus, sowohl den von rechts als auch den von links, ablehnt. Die Waffen-SS, die sich ausdrücklich von den Greueltaten der SS-Funktionäre distanziert, bekennt sich in dieser Erklärung zur demokratischen Staatsform. Das ist ein mutiges Bekenntnis, denn zweifellos wäre es für sie viel einfacher, an die Ressentiments der jahrelang zu Unrecht Diffamierten zu appellieren und ihre Kritik am neuen Staat herauszufordern.

Die Waffen-SS ist entschlossen, gekränkten Stolz vergessen zu wollen, und das ist heute sehr viel. Darum hat sie auch ein Recht auf Gleichberechtigung im Staat wie jeder andere Bürger, dem keine individuelle Schuld nachgewiesen wurde. Dff.