Noch einmal gibt es eine späte Ausstrahlung des Bach-Gedenkjahres 1950 in Gestalt eines literarischen Nachzüglers. Aber nicht immer ist das Recht zu so verzögertem Einsatz in den Chorus der Festredner so einleuchtend wie im Fall des Buches von Fred Hamel, „Johann Sebastian Bach. Geistige Welt“ (Deuerlichsche Verlagsbuchhandlung in Göttingen; mit Abbildungen; 256 S., 13,80 DM). Denn hier scheinen manche Verlautbarungen des Jubiläumjahres, zumal auch gewisse Vorträge der Göttinger Festwoche, bereits verwertet zu sein. Ein Sonderrecht genießt das Buch aber auch seines Sondercharakters wegen. Es ergänzt die überreiche Bach-Literatur um die Früchte einer Betrachtungsart, die wohl schon des öfteren in den Biographien angedeutet, aber noch nirgends so konsequent durchgeführt und zum entscheidenden Mittel der Bach-Deutung erhoben wurde. Hamel unternimmt den – weitgehend auch großartig gelungenen – Versuch, die einzigartige Lebenskraft der Bachschen Kunst aus der Summierung und Potenzierung der verschiedenen geistigen Bewegungsenergien herzuleiten, die aus seiner Zeit in der lutherisch-orthodoxen Mitte einer religiösen Persönlichkeit zusammenschossen. Das Ergebnis ist ein Mosaikbild, dessen geschlossene Einheit angesichts der Vielzahl seiner bunten Steine um so erstaunlicher wirkt,

Aus Österreich kommt ein schönes Geschenkbuch zu uns: Leopold Nowak, der Direktor der Musiksammlung der österreichischen Nationalbibliothek schrieb für den Amalthea – Verlag Zürich, Leipzig, Wien, einen „Joseph Haydn“. (173 Abb., Notenbeisp., Faksimiles, Karten, 105 Vignetten; 628 S., 22,80 DM. Dieses Werk ist nicht nur von bewunderungswürdiger Vollständigkeit des Stoffes (es hat dank ausführlichen Verzeichnissen nebenbei den Charakter eines zuverlässigen Nachschlagebuches), es ist obendrein geradezu „süffig“ lesbar geschrieben und bezaubernd ausgestattet. Bei der Unterhaltsamkeit eines Romans vermittelt es eine Fülle solider Kenntnisse biographischer und zeitgeschichtlicher Art. Schreibweise, Ordnung des überreichen Materials, technische Behandlung und äußeres Gesicht sind vorbildlich für populäre Monographie ohne Zugeständnisse an schlechten Geschmack. Freilich strömt das Buch auch die Atmosphäre der Authentizität aus: man merkt an der Leichtigkeit das „an Ort und Stelle“ Entstandene. W. A-th.