K. W. Berlin, Mitte Dezember

Das Zentralorgan der SED, „Neues Deutschland“, zeigt zum ersten Male, wie sich die Beauftragten des Generalsekretärs der SED, Ulbricht, den Neubau Berlins vorstellen. Sowjetische Architekten sind in Ostberlin eingetroffen, um auf einem ersten Architektenkongreß in Ostberlin – dem die Gründung einer „Deutschen Bau-Akademie“ voranging – jenen deutschen Architekten, die noch nicht in Moskau gewesen sind, klarzumachen, daß die neue sowjetische Architektur das Vorbild für Bauten in Ostdeutschland zu sein habe.

Bisher war nur vage zu hören, daß alle moderne Architektur der letzten dreißig Jahre formalistisch und also verwerflich sei. Die kommunistischen Politiker operierten mit Namen wie Schinkel, Schlüter, Knobelsdorf, an die die Moskauer neue Bauweise angeknüpft habe und deren Methoden erst recht jetzt in Deutschland zu vervollständigen seien. Man sah Bilder von sowjetischen Dämmen und Schleusen, in denen sich Türme und Turmchen, Obelisken und Friese hochrankten.

Nun wird ein eigenes „Nationales Aufbauprogramm“ in Ostberlin offeriert. Wohl fehlt es an Baumaterialien aller Art. Und der Ostsektor Berlins unterscheidet sich heute von dem Westteil der Stadt nicht nur durch die Luft der Unfreiheit und den niederen Lebensstandard, sondern vor allem auch durch die Trümmermassen und das Maß der unaufgeräumten Straßen. Aber das alles macht nichts: In vier Bauabschnitten werden protzige Kolossalbauten geplant. Für das Jahr 1952 soll – gemäß einem SED-Aufruf – der erste Teil Ostberlins enttrümmert und neu bebaut werden.

Gedacht wird dabei an die Gegend der Frankfurter Allee bis zum Straußberger Platz. Die Häuser, die hier in der alten Proletarier- Gegend Berlins entstehen sollen, sind nach den vorliegenden Entwürfen pompöse acht- bis neunstöckige Mietskasernen. Balkonchen, auf denen kein Mensch sitzen kann, sollen an die monotonen Steinkästen geklebt werden. Keine Grünfläche, sein Gärten, nur endlose Mietskasernen.

Es sind nur Projekte, die die jetzt zur ostzonalen Bau-Akademie verpflichteten Architekten nach den sowjetischen Vorlagen aufs Reißbrett zu bringen haben. Und la für die Realisierung Pläne keinerlei reguläre Möglichkeiten vorhanden sind, ist die SED auf eine neue, besonders hämische Variante des Stachanow-Systems verfallen. Im Jahre 1952 sollen nicht nur die Ostberliner, sondern alle ostzonalen Einwohner – deshalb „Nationales Aufbauprogramm“ – auf drei Prozent ihres Gehalts oder Lohns für die Bauten verzichten. Außerdem wird von ihnen allen erwartet, daß sie über ihre formale Arbeitszeit hinaus 300 Arbeitsstunden in Jahr in Berlin für die monströsen Häuser arbeiten. Eine sogenannte „Aufbau-Lotterie“ verheißt einigen wenigen von ihnen dafür eine Zweizimmer-Wohnung in den grausamen Steinkästen.

Diese Aufforderung ist natürlich als Vorschlag an die Bevölkerung ergangen. Aber die Resohtionswelle dreht sich bereits auf höchsten Touren. Natürlich verpflichten sich alle freudig zur Mitarbeit an der „Hauptstadt“. Da aber Bauen Zeit erfordert, ist kaum zu erwarten, daß de Pläne, die einen Teil Berlins nun auch architektonisch sowjetisieren wollen, sehr weit gedeihen werden. Und das wäre weiß Gott nicht schlimm. Mit dem Abriß des Schlosses und der völligen Umgestaltung des Lustgartens und dem Kolossalbau der sowjetischen Botschaft Unter den Linden ist schließlich mehr als schon genug östliche Struktur ins Berliner Stadtbild gekommen.