Von Martin Kessel

Wer es darauf anlegen wollte, innerhalb der Alltäglichkeit nach Paradoxien zu fahnden, der fände in Berlin ein Betätigungsfeld ersten Ranges. Vieles in dieser Stadt steht Kopf, vieles existiert nur, weil es künstlich gestützt oder als möglich gelten gelassen wird. Berlin ist eine Stadt, die Deutschland sich leistet. Etwas von dieser Fiktivität, dieser bewußt gesetzten Größe, besaß diese Stadt seit je, selbst in den besten Zeiten, aber ich wüßte nicht, wann das derart eindeutig zutage getreten wäre wie heute. Gewiß, die Tatsachen sprechen ihre eigene Sprache, und es empfiehlt sich sehr, diese Sprache zu lernen, aber es scheint doch auch, als ob die Tatsachen hilflos würden, sobald es ihnen an einer entsprechenden Optik und Bezüglichkeit fehlt und damit auch am entsprechenden Geist. Balzacs bemerkenswerter Ausspruch: „Dumm wie eine Tatsache!“ gewinnt dann eine überdimensionale Bedeutung.

Nun, war Berlin seit je eine Stadt, deren Realität nicht eigentlich faßbar war, jedenfalls nicht in der Weise, daß sie hätte gemalt und besungen werden können. Berlin ist kein gegliederter Raum, es hat keinen Mittelpunkt, es hat allenfalls Viertel, Gegenden und Gelände (wie etwa das Gelände am Funkturm), und es weist hie und da Schnittflächen und Konzentrationspunkte auf. Aber weder der Bär im Wappen noch das Brandenburger Tor, weder der Reichstag noch das Rathaus, weder Friedrichstraße noch Kurfürstendamm vermochten, wie früher vielleicht die Linden, als ein Sinnbild in Stellvertretung des Ganzen zu gelten. Allenfalls hatten sie ihren begrenzten Ruf. Berlin ist eben mehr Element als Bild, mehr Funktion als Organismus, es fordert zur Auseinandersetzung heraus, dies mehr als zum Anschauen und Genießen von Sehenswürdigkeiten, und die Beurteilungen, die es erfährt, unterliegen ihrerseits wieder beträchtlichen Schwankungen. In vielen Fällen ist ein Urteil über Berlin geradezu gleichbedeutend mit einer Intelligenzprobe derer, die sich dazu berufen fühlen. Das ist zweifellos ein besonderer Reiz, dialektisch und sokratisch insofern, als er auch innerhalb des eigenen Stadtgeistes in Form der Selbstkritik mitwirkt. Die den Stadtgeist und dessen Weltgeltung inspirierenden Elemente bilden dabei ein Feld, dessen Fluidum und Atmosphäre, allen Zeitumständen und Moden zum Trotz, eine konstante Kraft ausstrahlen, etwas bei allem Wechsel Beständiges und Charakteristisches.

Unter diesen Spielarten ist die Elastizität des Berliner Lebens in Alltag und Verkehr nicht die geringste. Berlin funktioniert. Es funktionierte sogar, wenn auch behelfsmäßig, in den schlechtesten Zeiten, sogar unter Bomben und Granaten. Man kann also sagen, daß dieser Funktionscharakter eine erstaunliche Vielfältigkeit und Abschattierung besitzt, und es ist leicht zu erkennen, daß er auch die Lebensart der Bevölkerung mitbestimmt, jener sonderbaren Menschenart, von der alle, indem sie hier wohnen, zu Berlinern geworden sind. Es entstand ein allen gemeinsamer Begriff der Öffentlichkeit, von Radio und Presse wirkungsvoll unterstützt, und es formte sich eine Anschauungsweise, ein bestimmtes Reaktionsvermögen, worin das Bewußtsein der Öffentlichkeit stets mitschwingt. Die Folge ist, daß man sich überall so verhält, wie es dem Ideal der Elastizität entspricht. Man ist nüchtern, sachlich, anstellig, skeptisch, kritisch und hilfsbereit. Das Unangenehme reagiert man ab durch den Witz, und im übrigen versteht man sich auch aufs Vergnügen, und sei es auch nur, indem man sich ein Vergnügen daraus macht, vergnügt zu sein. Das ist eine Spielart, die der deutschen Neigung zu Tiefsinn, Biederkeit, Schwafelei und Schwerfälligkeit einige begrüßenswerte Lichter aufsteckt. Gewiß ist die Luft Berlins oft um einige Grade zu windig, aber die Intelligenz des Berliners ist hell und klar, es ist ein der Geselligkeit verpflichteter Stadtgeist.

Man kann nicht behaupten, daß sich das heute geändert hätte, obwohl die Stadt zur Zeit aus zwei Einflußsphären und vier Sektoren besteht, und obwohl ihr Kopf ein Januskopf ist, der nach Osten und Westen zugleich blickt. Der Doppelcharakter der Stadt weist naturgemäß Eigentümlichkeiten auf, die schwer auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen sind. Der Januskopf nämlich blickt nicht nur nach Ost und West, er blickt auch, paradox um eine Doppelachse gedreht, von Ost nach West und von West nach Ost, nicht ohne Versuch, sich gegenseitig zu durchdringen oder wenigstens zu überblenden. Um das anschaulich zu machen, müßte man schon zu abstrakten, surrealistischen, irgendwie mehrdimensionalen Mitteln greifen. In der Sphäre der Öffentlichkeit, der hohen Politik, der Publizistik, der ideologischen und wirtschaftlichen Beeinflussung entstehen infolgedessen oft empfindliche Schnitte und Querstände, gesteigert zuweilen bis zu krassester Ironie, ja bis zum Zynismus. Wo ein regierender Bürgermeister die Rechtmäßigkeit des andern bezweifelt oder bekämpft, wo ein Magistrat dem Gemeinwohl besser zu dienen glaubt als der andere, wo hinwiederum beiderseits darauf gepocht wird, daß Berlin als gemeinsame Hauptstadt fungiere, dort ist eine sozusagen luxuriöse Dialektik am Werk, angesichts derer es schwerfällt, keine Fratzen zu schneiden. Es ist ein sehr teurer Luxus, jedermann spürt das am eigenen Leib, an der eigenen Existenz und auch an der produktiven Substanz. Ergibt sich doch der vertrakte Umstand, daß man die Substanz halbiert, um jeweils ein Ganzes besitzen oder verwalten zu wollen, und das ist, gemessen am Sinn der Realität, eben doch eine hochnotpeinliche Narrheit, wie sehr sie auch der geschichtlichen Zwangslage entspricht.

Indessen, das Leben ist an Fiktionen und Paradoxien gewöhnt, es findet sich damit ab, und sobald man es in der Nähe betrachtet, im Rahmen seiner Alltäglichkeit, erkennt man auch, daß es überall nach Verbindung drängt, nach Geselligkeit, nach Vermischung und Austausch, allen übergeordneten Hindernissen zum Trotz, und daß es, wo ihm dieser Trieb erschwert oder beschnitten wird, irgendweich eigene Lebens- und Vegetiermethoden entwickelt.

Solange Berlin funktioniert, fühlt es sich auch am Leben. Es lebt unter jeder Bedingung, auch als Januskopf oder als siamesischer Zwilling. Schwierigkeiten gibt es freilich genug. Es gibt ihrer ganz unleidliche, alltäglich spürbare. Aber andrerseits sind die verschiedenen neuralgischen Punkte gerade so recht ein Prüfstein für die Intelligenz des Berliners, dessen Kritik und Urteilsvermögen jedenfalls nicht zum Einschlafen kommt, es ist nach wie vor wach, vielleicht sogar überwach, nicht zuletzt infolge der Vergleichsmöglichkeiten, hüben wie drüben. Vergleiche anzustellen, ist nun aber reichlich Gelegenheit und zwar nicht nur zwischen der Dummheit der Tatsachen selber, sondern auch zwischen Verheißung und Wirklichkeit, zwischen Parole, Rhetorik, Anschein, Vorspiegelung und dem bitteren Faktum der Existenz. Hieran erkennt der Berliner täglich, in welch ein gefährdetes und entwürdigtes Stadium der Mensch gerät, sobald er seinesgleichen nur noch als Mittel zum Zweck behandelt. Diese Fragwürdigkeit spukt hier in beiden Hemisphären. Die Bevölkerung weiß das auch, und wüßte sie’s nicht, so wäre sie kaum imstande, den Januskopf ihrer Stadt zu ertragen, denn dann wäre es eine Hydra oder Meduse.