Paul Schallück: Wenn man aufhören konnte in lagen. (Verlag Friedrich Midelhauve, Opladen, 270 S. 8,70 DM).

Erstaunlich, daß dies ein Erstlingsroman ist. Paul Schallück, der Debutant, verfügt über Fähigkeiten, die sich sonst nur bei sehr erfahrenen Autoren finden: kunstvolle Komposition der vielschichtigen Fabel, präzise, geschmeidige und an Registern reiche Sprache, umsichtige Abwandlung eines scharf umrissenen, aktuellen Grundthemas. Menschen von heute, alte und junge, die „hinter Gottes Rücken“ leben, im Räume des „großen Gähnens“, wo jede Ordnung als Lüge erscheint, die Suche nach dem Du nur kurze, trügerische Erfüllung im Rausch oder in der Sexualität findet und wo der Vereinzelte in seiner Leere erstarrt. Nur drei Auswege bieten sich, und jeder wird an einer Figur der Handlung exemplifiziert: die Flucht ins Kollektiv, von dem Renate „gesagt bekommt, was sie denken und glauben und tun soll“; das Ausweichen in den Wahnsinn, in dem Carla ihr unerfülltes Dasein auslebt; und der Sprung von der Brücke in die Freiheit des Nichts, mit dem Marion die verfehlten Hoffnungen ihrer Mädchenzeit quittiert. Der Glaube als positiver Weg wird von Schallück gleichsam ausgespart. Er zeichnet in seinem roman noir nur Menschen, in denen die religiöse Ader stillgelegt ist – Nihilisten, gesehen mit den Augen eines verschwiegenen Gläubigen. Auch Thomas, der Held des Buches, durchmißt alle Verzweiflungen bis zur letzten Sekunde vor dem Selbstmord. Aber dann überkommt ihn das einfachste Glück: er fühlt die reine Seligkeit des Atmens. So deutet sich aus weiter Ferne der Sieg des Lebens über die tödlichen Mächte an. Es bleibt dem Leser überlassen, wie er diese Rettung verstehen will, ob mystisch, christlich oder naturfromm. Auf jeden Fall wird ihm der Gang durch die „Qual der Nüchternheit und des Sinnlosen“, den Thomas hinter sich bringen muß, den Blick für die Fragwürdigkeit vieler Dinge öffnen, die er sonst aus Furcht vor Ekel für unanfechtbar halten möchte. I. H.