Von Paul Hühnerfeld

Amerikas Schriftstellern hat der gewonneneKrieg genützt. Er erschloß ihnen neue Absatzgebiete oder eroberte ihnen alte zurück. Man kann dies aber ohne Boshaftigkeit oder Ressentiment sagen, denn denkt man an Autoren wie Hemingway, Faulkner oder Wilder, so bedeutet das: im Schutze der militärischen Macht der GI’s gewannen sie auch im breiten Leserpublikum die Hochachtung, die ihnen gebührte und die ihnen Freunde in der ganzen Welt schon vorher zollten. Nur einer von ihnen, vielleicht der größte, Thomas Wolfe, erlebte die Expansion amerikanischer Kultur nicht mehr. Und es ist fraglich, ob er, der vor dem Krieg Verstorbene, nicht doch Zutiefst betroffen gewesen wäre, hätte er gewußt, daß seine Bücher einmal im alten Europa auf den Rücksitzen der Jeeps liegen würden.

Denn Thomas Wolfe war nicht nur Amerikaner, genau so wenig wie Faulkner oder Hemingway; die drei größten geistigen Repräsentanten Amerikas haben sich meistens gerade dessen geschämt, dessen sich der Durchschnittsamerikaner rühmt. Deswegen berührt es eigenartig, wenn der S. Fischer Verlag, Frankfurt, die deutsche Übersetzung von James Jones „Verdammt in alle Ewigkeit“ (Front Here To Eternity, 778 S.) auf dem Schutzumschlag als genau so epochemachend wie die ersten Bücher jener Dichter anpreist.

Was aber ist denn an der geschichtslosen Geschichte amerikanischer aktiver Soldaten auf Honolulu in den Jahren 1940 / 41 epochemachend? Die Eintönigkeit amerikanischen Dienstes, die schmutzige Gesinnung einzelner Soldaten und die kaum noch glaubhafte Borniertheit und Dummheit-amerikanischer Offiziere, die Langeweile im Ganzen? Was hält denn der Autor hier eigentlich für berichtenswert – oder vielmehr: was glaubte denn das biedere amerikanische Ehepaar Mr. und Mrs. Harry E. Handy aus Robinson (Illinois), was dieser junge Mann zu berichten habe, als sie ihm einen Wohnwagen stellten, ihm die finanziellen Sorgen abnahmen, damit er zu schreiben beginne? Heute stellt sich heraus: sie haben nur einem Menschen geholfen (das ist viel), aber der Welt keinen Dichter gerettet.

James Jones’ Buch wird bei den literarischen Snobs der Welt sehr gefeiert werden. Denn es werden in ihm so viele ungeschminkte Geschichten aus Bordellen erzählt, er spricht über achthundert Seiten fast ausschließlich nur über das, was wir beim deutschen Kommiß das „Thema Nr. Eins“ nannten (und worüber sich Männer oft, wenn sie längere Zeit allein zusammen sind, unterhalten, und zwar nicht nur wegen der körperlichen Abwesenheit der Frau, sondern aus jenem Minderwertigkeitskomplex heraus, der sie befällt, aus der in solchen Situationen sich aufdrängenden Grundstimmung des„Nichtalles-selbst-sein-Könnens“, des „Angewiesenseins auf...“). Die Torheit, in so direkten Aussagen ein Ingrediens moderner Poesie zu sehen, ist ja nun nicht mehr neu. Sie äußert sich bei den literarischen Snobs durch Ausrufe wie „O wie ungeschminkt sagt er das“, oder vornehmer und als Fachmann „Das ist litterature engagé“ oder endlich schlicht, aber das höchste Lob ausdrückend „Das ist die Wahrheit“.

In einem platonischen Dialog erzählt Sokrates, daß es ihm, als er jung gewesen sei, ganz unglaubhaft erschienen wäre, daß es auch von den niedrigen Dingen Ideen gäbe. Allein der greise Philosoph Parmenides belehrt ihn, und Sokrates erfährt: es gibt sogar eine Idee des Schmutzes. Auf James Jones angewandt: natürlich könnte er auch die Wahrheit sagen, ginge er dem sonnenbeschienenen Dreck auf Honolulu auf den Grund, anstatt bei den „schönen Leibern“ (in diesem Falle leichten Mädchen aus Liebhaberei oder aus Beruf), und also bei den „Schatten“ zu verweilen. Wenn wir aber durch das ganze Buch den Autor in so fragwürdige Lokale wie Kasernen, Bordelle und homosexuelle Kneipen begleiten müssen, dann wollen wir wenigstens „das Ding an sich“ erfahren. Mein Gott, schließlich gibt es doch auch bei uns in Europa solche Orte und Schriftsteller, die dort Stammgäste sind. Die Lokalitäten allein sind uns also nichts Neues. Und schließlich: wo kommen wir hin, wenn sich jeder junge Mann, der sich mit solchen Dingen beschäftigt, für den unmoralischsten Menschen der Welt hält?

Aber, würde der Verfasser antworten, darum geht es doch hier nicht, das alles ist doch hier nur Kulisse, hier wird doch die Verlorenheit des Menschen ausgesagt (denn dieses Schlagwort haben ihm die Snobs natürlich schon beigebracht). Aber seine eigene Einsamkeit, die auf Grund innerer Leere und einer falschen Haltung zur Realität entsteht, für die Verlorenheit zu halten, ist gelinde gesagt eine Unverschämtheit. Und die literarischen Snobs sollten endlich merken: gerade das Ungeschminkte ist manchmal unwahr.