Von Martin Stiebing

Als Ende 1948 die Freie Universität gegründet wurde, sprach man im Westen Deutschlands von einem „wissenschaftlichen Abenteuer“. Und heute noch bemängelt man, die Berliner Studenten seien „zu politisch“. Doch diese Studenten waren es – und nicht die Professoren –, die den Anstoß zur Gründung der Freien Universität gaben. In einer stürmischen Sitzung der Studentenschaft erhob sich der Schrei nach Freiheit. Nun erst nahmen die Stadtverordneten die Forderung der Studenten auf und beauftragten den Magistrat, eine Freie Universität zu errichten. Dabei wurde den Berliner Studenten, im Gegensatz zu den westdeutschen, ein weitgehender Einfluß zugesichert. Sie entsenden Vertreter in die akademische Verwaltung, in Senat und Kuratorium. Sie haben Sprecher in den Fakultäten, sie stellen Referenten für den Zulassungsausschuß, denn zunächst noch muß die zahlenmäßige Beschränkung für die Zulassung von Studenten aufrechterhalten bleiben.

Mit dem dramatischen Auszug aus der Linden-Universität begann das Abenteuer. An dieser Universität sind nur jene Professoren verblieben, die „einem nützlichen Irrtum verfallen sind“. Die Westuniversität aber übte eine ungeheure Anziehungskraft auf die Ostzone und den Ostsektor aus, die einen enormen Anteil der Studenten stellen. Die materielle Lage der Studenten ist schlecht: die Hälfte der sechstausend Studenten wird durch die Stadt Berlin unterstützt, davon sind zweitausend Währungsstipendiaten (die Opfer der Ostmark) und rund achthundert Sozialstipendiaten. Nur fünf bis sechs Prozent der Studenten stammen aus Familien, die begütert sind.

Die Weltöffentlichkeit hat sich nicht damit begnügt, dem Freiheitskampf zu applaudieren. Die Kräfte der Stadt Berlin hätten ja nicht ausgereicht, eine neue Universität auf die Beine zu stellen. Das Ausland, vor allem die Amerikaner, haben geholfen. An der Spitze steht die Fordspende in Höhe von fünf Millionen Mark.

So ist ermöglicht, daß die Freie Universität nicht nur eine reine Lehranstalt bleibt und nur die Rolle einer „Pflanzschule der Weisheit“ spielt. Im kommenden Jahr wird auch die reine Forschung Bedeutung erlangen. Vorzügliche Lehrkräfte wirken. Eine überraschend hohe Zahl von Gastdozenten, nämlich 165, hat die Einladung des Außenamtes angenommen. Die Arbeit in den Instituten schreitet Wichtig voran. Die Studenten aber, die diese Universität besuchen, unterscheiden sich sehr von dem, was sich auch heute noch einige Philister unter einem Studenten vorstellen. Wenn man heute durch Dahlem streift, durch jenes mit Garten und Villen bestandene Viertel, trifft man auf junge, von Armut und frühem Lebenskampf gezeichnete Gesichter. Dieses Viertel als Dahlemer Quartier latin zu bezeichnen, heißt der bitteren Wahrheit aus dem Wege zu gehen. Unerbittlich erhebt sich die Frage: Was soll aus diesen Studenten einmal werden? Etwa akademisches Proletariat?

Vorläufig existiert ein erheblicher Teil von der Unterstützung, die monatlich 80 Mark beträgt. In ihrer Organisation „Heinzelmännchen“ können sie sich ein paar Mark dazuverdienen. Man ruft die Heinzelmännchen an und nun kommen, gleich ob Tag oder Nacht, Studenten ins Haus: sie tragen Kohlen, sie hüten Kinder, sie verkaufen Zeitungen, sie machen Wurfsendungen, sie holen nachts den angeheiterten Autofahrer aus der Bar und fahren ihn in seinem Wagen nach Haus. Sie scheuen vor keiner Arbeit zurück. Und alles nur, um den Doktorhut zu erringen.

Was aber wird dann? Ärzte in Westdeutschland haben sich, um nicht zu verhungern, als Straßenbahnschaffner verdingt, andere arbeiten nur für freies Essen. Bis jetzt wurde zwar erst rund hundert Studierenden der Doktorgrad verliehen. Drei Jahre besteht die Universität. Im nächsten Jahr werden bereits größere Abgänge erfolgen. Gewiß, in weiter Ferne liegt das Ziel vieler Studenten: die Wiedervereinigung, das Gebiet der heutigen Ostzone. Für die Ostzone bildet ja die Freie Universität die akademischen Kräfte aus! Berlin selbst kann für die vielen Tausende von Studenten kein Brot und keine Stellung schaffen. Die meisten von ihnen werden, sich zunächst in Westdeutschland eine Existenz suchen müssen. Aber sie werden, genau so wenig – wie ihre westdeutschen Kommilitonen – jene Positionen finden, die dem Universitätsstudium gerecht werden. Sie werden in Berufe gehen müssen, wo sie auf Gebieten anfangen müssen, in denen ihnen praktisch das Studium wenig, vielleicht gar nichts nützt. Sie werden nur eines tun können, den Geist der Universität in die Breite wirken zu lassen. Sie gehen mit dem Kampfgeist des Vorpostens Berlin, in den Westen. Und daraus können ihnen vielleicht sogar im dortigen Existenzkampf und bei wirtschaftlicher Abhängigkeit neue Gefahren erwachsen ...