Der Aufstand der Farbigen ist keine Utopie mehr. Der Auflösungsprozeß der Kolonialreiche ist in vollem Gange. Ein Drittel aller Mitgliedsstaaten der UNO hat seine staatliche Selbständigkeit dem Verlauf und Ausgang der beiden Weltkriege zu verdanken. Von dieser Entwicklung ist das englische Imperium am stärksten betroffen worden. Nicht weniger als acht der jungen UNO-Staaten – Ägypten, Australien, Burma, Kanada, Indien, Neuseeland, Pakistan und die Südafrikanische Union – gehörten dem britischen Kolonialreich an, während zwei weitere – Irak und Israel – englische Mandatsgebiete waren. Hinzu kommen außerdem noch die durch das Veto der Sowjetunion von der UNO-Mitgliedschaft ausgeschlossenen jungen Staaten Irland und Ceylon sowie Jordan, das einst als Transjordanien englisches Mandatsgebiet war. Holland büßte im Verlauf des kolonialen Auflösungs-Prozesses Niederländisch-Indien ein. Frankreich sah sich genötigt, seinen indo-chinesischen Kolonialbesitz in drei Staaten aufzulösen und ihnen unter einem immer stärker werdenden, nationalen Druck gewisse Hoheitsrechte einzuräumen.

Die afrikanischen Besitzungen der Kolonialmächte – abgesehen von der Liquidation des italienischen Imperiums – wurden von diesem Auflösungsprozeß bisher am wenigsten angegriffen. Der Kolonialbesitz Belgiens und Portugals blieb völlig unberührt, während allerdings im französischen Tunis, Algier und Marokko nationale Bewegungen immer stärker auf eine staatliche Selbständigkeit drängen. Auch sie – genau wie all die anderen unter fremder Herrschaft stehenden, um ihre staatliche Selbständigkeit kämpfenden Länder – blicken auf die überstaatliche UNO und insbesondere, auf diejenigen Mitgliedstaaten, die selbst einst Kolonien waren. Und zu diesen gehören nicht nur die „jungen“ Staaten, sondern auch die latein-amerikanischen Länder, die gemeinsam einen gewichtigen Block bilden können, und auch die USA, deren Vertreter sich allerdings bei den jüngsten Debatten auffallend zurückhielten.

Die Pariser UNO-Tagung wurde daher schon in ihrem bisherigen Verlauf zum Schauplatz von Kämpfen zwischen Ländern der jungen Gruppe und den alten Kolonialmächten. Das General-Komitee der Vollversammlung hatte über einen von den arabischen Staaten eingebrachten Antrag zu entscheiden, der die Verletzung der UNO-Charta und der Menschenrechte durch Frankreich in Marokko auf die Tagesordnung der Generalversammlung setzen wollte. Wenn auch der Antrag auf unbestimmte Zeit vertagt wurce, so kam doch in dem knappen Abstimmungsergebnis von sechs Stimmen für und vier Stimmen gegen die Vertagung bei vier Stimmenthaltungen eine nicht unbedeutende Opposition gegen den Kolonialismus zum Ausdruck. Der Umfang und die Stärke dieser Opposition zeigten sich bald danach erneut während der Debatten über die Berichte aus nicht-autonomen Ländern in den Sitzungen des Treuhand-Ausschusses. Heftige Angriffe richtete der Delegierte Ägyptens in der Frage der Suez-Kanal-Zone und des Sudan gegen England. Der Vertreter Griechenlands bedauerte, daß die englische Regierung es unterlassen habe, in ihrem Bericht an die UNO über die Verwaltung der Kronkolonie Cypern jene spontane Wihl zu erwähnen, in der die überwältigende Meirheit der Bevölkerung der Insel ihrem Willen zur Selbstbestimmung und ihrem Wunsch nach Wiedervereinigung mit dem griechischen Mutterland Ausdruck gegeben hatte. Der Vertreter des Yemen erklärte nach einem heftigen Angriff auf die Kolonialmächte, die er beschuldigte, jede Kritik an der Verwaltung ihrer Kolonien zu knebeln, daß seine Regierung die Rechte irgendeines Staates, „den südlichen Yemen“ zu beherrschen, nicht anerkenne. Der Angriff richtete sich gegen das englische Protektorat Aden. Der Delegierte Guatemalas forderte in Ergänzung des offiziellen Protestes seiner Regierung gegen die von der englischen Regierung beabsichtigte Einbeziehung von Britisch-Honduras in die geplante Föderation der englischen Besitzungen im Karibischen Raum den Abzug der Engländer aus dieser Besitzung, die Guatemala unter dem Namen Belize als Teil seines Staatsgebietes betrachtet. Schließlich kam es zu dem Auszug der französischen Delegierten unter Führung von Léon Pignon, als der Delegierte Ägyptens, unterstützt von dem Vertreter des Irak, die französische Verwaltung in Marokko angriff. Pignon hatte unter Hinweis auf die angebliche Nichtzuständigkeit des Komitees für die Behandlung politischer Fragen die Aufhebung der Sitzung beantragt, Dieser Antrag wurde aber mit großer Stimmenmehrheit abgelehnt, Das war der dramatische Höhepunkt der hitzigen Debatten im Treuhand-Ausschuß, aus denen hervorgeht, daß der Prozeß der Auflösung der großen Kolonialreiche unaufhaltsam weitergeht. Ernst Krüger