Noch nie warmes einfach, das künstlerische Vermächtnis eines großen Toten so zu pflegen, daß es nicht Kulisse wurde. Wie es in dieser Hinsicht heute steht, zeigt die Situation der Ernst-Barlach-Gesellschaft. Ihre Arbeit begegnet! Schwierigkeiten. Um ein Drittel ging die Mitgliederzahl zurück. Viele Austrittserklärungen wurden mit der Unmöglichkeit begründet, den Jahresbeitrag aufzubringen. Sogar das kunsthistorische Institut einer Hochschule meldete sich ab, die den Jahresbeitrag etatsmäßig nicht unterzubringen weiß, während an ihr und anderswo sich Ordinarien und Doktoranden erstaunlich erfinderisch um Barlachiana als Dissertationsthemen bemühen.

Wie auch in anderen Fällen, ist die Ära der „befreiten Kunst“, deren Auftakt nun ein Jahrfünft zurückliegt, für das Erbe Ernst Barlachs zu Ende. Seine Verfemüng ist ausgelöscht, seine Geltung wiederhergestellt, soweit dergleichen Anstrengüngen ernstlich erforderlich waren. Was wird künftig? Was wird, wenn nach der sinnvollen Aufstellung der (von dem Hamburger Keramiker Meimersstorff neu gebrannten) Figur! „Der Sänger“ die Grabstätte auf dem Ratzeburger Hügelfriedhof bis in kleinste Einzelheiten durchgestaltet sein wird? Wenn die Sensation der postumen Auffindung des „Grafen von Ratzeburg“ (vgl. „Die Zeit“ vom 6. Dezember 1951) abklingt? Wenn nach Nürnberg und Darmstadt auch Boleslav Barlog in Berlin, ja, möglicherweise Hamburg und Düsseldorf das weitgespannte szenische Mysterium nachgespielt haben? Wenn der (als zersägter Originalguß erhaltene) „Geistkämpfer“, wie in Kürze zu erwarten, restauriert und in Kiel (und im Nachguß auch in Güstrow) aufgestellt ist? Wenn der Güstrower Dom-Engel, von dem wenigstens die Form gerettet wurde, an seinen Bestimmungsort heimgekehrt und überdies (als zweiter Neuguß) in einer Kölner Kirche beheimatet sein wird? Was wird, wenn Barlach nicht nur beim Bayerischen Rundfunk oder bei Radio Bremen, sondern auch auf der Mittelwelle (!) des NWDR die ihm gebührende Sendezeit erhält?

Selbst der diskutable Plan, den die Stadt Ratzeburg als Gastgeberin auf der jetzigen Hauptversammlung der Barlach-Gesellschaft lancierte, in ihren Mauern alljährlich Barlach-Gastspiele auswärtiger Bühnen durchzuführen, bedeutet nicht das letzte Wort. Gewiß ist das Vorhaben einleuchtend im Hinblick auf Barlachs Ratzeburger Jugenderlebnisse. Gewiß ist unweit seines Ratzeburger Vaterhauses ein großstädtischer Theaterraum verfügbar. Aber als wahllose Attraktionen im Fremdenverkehr von Ratzeburg wären Barlach-Festspiele sinnlos.

Verbündet mit dem Gremium der Nachlaßbewahrer im engeren Kreis, durch ihren Vorsitzenden, den Generaldirektor des NWDR, in Personalunion mit dem Rundfunk verknüpft, besitzt die Barlach-Gesellschaft in Dr. Friedrich Dross (Bremen) einen selbstlos unermüdlichen Geschäftsführer für Ausstellungen, Vorträge, Vermittlung von Aufführungsrechten und hervorragende Mitgliedergaben. Diese bringen in wechselndem Turnus Reproduktionen der Graphik und Sonderdrucke aus dem literarischen Nachlaß, die zumeist unvermutet intime Zugänge zu dem Phänomen Barlach erschließen und für seine Erfassung (wie selbst für die Relativierung einer gewissen Überschätzung) unentbehrlich sind. Die neuerdings ausgegebenen „Güstrower Fragmente“ etwa geben einen so starken Eindruck dies Barlach von 1913, daß ihre Verteilung unter Klausur unverständlich ist. Dies um so mehr, als eine Auslieferung durch den Buchhandel auch der Barlach-Gesellschaft selbst endlich eine größere Publizität geben könnte. (Interessenten erreichen die Gesellschaft unter der Anschrift: Bremen, Georg-Gröning-Straße 99.)

Ob eine unzensurierte Gesamtausgabe der Briefe des Güstrower Meisters zustande kommt, wird für die Barlach-Gesellschaft nachgerade zur Kabinettsfrage. Über die Fortsetzung ihrer sachlich-schlichten und geistig-gewichtigen Aktivität wird wesentlich entscheiden, ob sich in Bälde einige Hunderte von neuen Mitgliedern anfinden, die, wie dies der Stamm der Vereinigung tut, mindestens 10 DM je Jahr zur Verfügung stellen, um als Entgelt zwei Mitgliedergaben zu erhalten. Hansgeorg Maier