Daß die Berliner „verwegene Leute“ sind, hat mit einer Mischung von Skepsis und Respekt, Goethe gesagt. Verwegen ist vieles an ihnen: die bis in die Bezirke des Entsetzlichen reichende Sachlichkeit, die unglaubliche Schnelligkeit des Entschlusses, der mit dem Wörtchen: „Jemacht“ kundgegeben wird, ehe der Vorschlag noch ganz lusgesprochen ist, auf den sich der Entschluß bezieht, das verwegenste aber dürfte der Witz sein, durch den sich die Berliner unter allen anderen deutschen Stämmen und Typen weit hervortun. Seine Charakteristika sind eine ungeheure Schlagfertigkeit und eine unerhörte Sicherheit des Glaubens, daß man in der Form des Witzes alles, aber auch alles sagen kann, ohne daß jemand beleidigt sein darf. Das geht durch eine ganze Skala von Nuancen: von dem sanften Witz, der nur ganz stillschweigend supponiert, daß der Gesprächspartner ein kleines bißchen doof ist, bis zur letzten Rücksichtslosigkeit in der Interpretation intimster Situationen. Für beides ein Beispiel:

Am Heidelberger Platz, wo die 51 und die 191 abwechselnd kommen sollen, fährt schon die dritte 191, aber keine 51. Als die nächste Bahn kommt, wieder eine 191, fragt ein Herr nervös den Schaffner: „Kommt denn die 51 gar nicht?“

„Jeschrieben hat se schon“, ist die Antwort.

Das ist also die harmlose Berliner Schnauze. Weniger harmlos, dagegen schon reichlich frech, ist die Schnauze der Blumenfrau am Breitenbachplatz, die zu einer bereits sehr sichtbar schwangeren Frau, einer alten Kundin, die täglich mit ihrem Mann bei ihr Blumen kaufte, in gemütvollem Tone sagte:

„Na, Frollein, heute so alleene? Der Herr, der sonst mit Ihnen jing, wohnt wohl nicht mehr bei Ihnen?!“

Dieser Witz ist schon nur mehr zu ertragen, wenn man voraussetzt, daß der Humor des Berliners eine Art Stacheldraht um sein Herz ist, was einmal ein Berliner Zeichner sehr nett dargestellt hat. Mit andern Worten, daß der grobe Witz die Methode ist, mit der der Berliner seine eigene Sentimentalität und Rührung niederkämpft.

Eine andere Besonderheit des Berliner Humors ist die drollige Art, in der er sich überkugelt, indem zwei Kampfhähne in ihrer Auseinandersetzung immer neue Pointen aufeinander türmen, unerschöpflich und ohne Ermüdung, wie homerische Helden vor der Schlacht. Der Anglist Prof. Schöffler hat in einer 1941 veröffentlichten Analyse von „Geist und Witz der Berliner“, die ihm aber schlecht bekam, weil sie ihm damals von den Nazis wegen ihres Inhalts, nach dem Kriege aber von den Antifaschisten wegen der Tatsache ihrer Veröffentlichung „in einer Nazi-Zeitung“ übelgenommen wurde, ein sehr schönes Beispiel für dieses Überkugeln angeführt. Nichts kann der verblüffenden Phantasie gleichkommen, meinte Schöffler, aus der „die Strahlen des Berliner Witzes glühen“. Zum Beispiel: „Ihnen hamse wohl det Jehirn jeklaut?“ „Ihr’n Vastand hamse wohl in die Jarderobe abjejeben?“ „Quatsch keene Oper!“ „Mann, mach doch halblang!“ „Du hast wohl nich alle Tassen im Schrank?“ „Hat der Mensch Töne!“ „Det ick nich lache, Frollein Stümpke!“ „So ne wie Sie fress’ ick fimfe zum Frihstick!“