Von Hans Joachim Moser

Berlin erhält wieder zahlreiche Musikerbesuche von jenseits der Zonengrenze, der Bundesgrenze, der Küsten Europas. Die Gäste, die vormals dem Berliner Musikleben angehörten, äußern laut ihr Erstaunen über den Grad der Veränderung gegen ehedem, vor 1945 oder 1933, und beklagen die Zerstörungen. Aber wohl noch keiner hat ein Minus insgesamt festzustellen Anlaß gehabt; jeder dagegen erkannte die unzerstörbare Vitalität des neuen tonkünstlerischen Berlin freudig an.

Nun ja, der Bombenkrieg hat vieles zerschlagen: die Städtische Oper an der Bismarckstraße (statt dessen wird im Theater des Westens in der Kantstraße durchaus komfortabel gespielt). Die Philharmoniker mußten aus der verbrannten Bernburger Straße in den Steglitzer Titaniapalast (ehedem ein Kino) umziehen und sollen demnächst – wozu der Senat als Mäzen und das Publikum selbst durch eine Lotterie beitragen – auf dem Wilmersdorfer Gelände des Joachimsthaler Gymnasiums einen neuen eigenen Saal erhalten. Der Konzertsaal der Musikhochschule in der Fasanenstraße ist im Wiederaufbau, und für den verlorenen Beethoven- und Bechsteinsaal hat Herr Schierse, der Herausgeber des Berliner Konzertführers, einen schönen Saal im Hotel Esplanade eingerichtet. Kleinere Solistenabende finden im englischen oder amerikanischen-, Centre statt. Gute Säle für Solistenkonzerte sind auch sonst zahlreich genug vorhanden. In vielen evangelischen Kirchen finden regelmäßige Aufführungen der Oratorien, Passionen und Bachkantaten regsten Zuspruch, während in den katholischen Gotteshäusern die Messen unserer Mitbürger Kurt Döbler, Joseph Ahrens, Joseph Kromolicki höchst würdige Wiedergabe finden. Mit den Protestanten Pepping, Chemin-Petit und Grotes Spandauer Kirchenmusikschule bildet Berlin eine Zentrale der Musica sacra beider Bekenntnisse.

Die eigenartige Insellage Westberlins hat künstlerisch auch ihre guten Seiten: wir stehen mit dem abgespaltenen Ostberlin auf dem Opernwie auf dem Musikerziehungsfelde in einem gewissen Wettbewerb; war die musikdramatische Konkurrenz noch vor einem Jahr durch gegenseitige Besuche praktisch kontrollierbar, so hat sich die Autopsie seither meist zur Theorie abstrahiert, aber sie ist doch ideell spürbar geblieben. Gleichwohl sind die Solistenbesuche aus dem Westen – nicht nur per Flugzeug – denkbar rege; wir bekommen aus der ganzen Welt an Musikzelebritäten zu hören, was irgend gut und teuer ist. Dazu kommt naturgemäß manche: Propaganda-Stern der Besatzungsmächte. Man amüsiert sich manchmal im stillen, mit welchem Sensationshunger das Berliner Massenpublikum gerade die exotischsten Stars „verspeist“ (nur wenn alte Lieblinge sich plötzlich anglisiert haben, muckt man auf). Aber man sinnt auch etwas schmerzhaft dem voreinstigen Parkett unvergleichlicher Kenner und Liebhaber nach, das vor dem Sturm der Zeitereignisse nach Westen und Südwesten ausgewichen oder gestorben und verdorben ist. Immerhin ist Musikberlin dafür auch um manchen hochgeschätzten Neubürger aus Ostpreußen und Schlesien reicher geworden, und so gilt immer noch der alte Scherzspruch, die „echten“ Berliner seien meist in Breslau geboren. Übrigens ein tröstlicher Stimmungspegel (wenn man sich gelegentlich durch gedankenlose Westdeutsche „abgeschrieben“ glaubt): wieviel Berufungsangebote etwa im musikalischen Erziehungswesen von sehr namhaften Kräften gerade auch aus der Bundesrepublik und dem Auslandsdeutschtum kommen – ein Vielfaches von dem, was hier angesichts zahlreicher ortsansässiger Kunsterzieher ohne volle Beschäftigung bei unserer Finanznot rezipiert werden kann. Aber man spürt, welche Anziehungskraft die Idee „Musikmetropole Berlin“ wieder besitzt: Berlin ist nicht nur aus westlicher Wohnungsnot ein Wunschtraum zahlreicher Musiker von Rang.

Unsere Orchesterkonzerte bestätigen, daß der günstige Leumund Westberlins kein bloßer Nachhall von einst ist: wäre auch den Philharmonikern endlich wieder ein erster Dauerdirigent (statt der augenblicklichen Polybalance) zu wünschen, so zeigen sie doch unter ersten Gästen wie Furtwängler, Böhm, Schuricht, Jochum, auch dem jungen Celibidache, wessen sie fähig sind. Das Rias-Orchester hat daneben keinen leichten Stand, verwirklicht aber unter dem ausgezeichneten Ferencz Fricsay jeden gerechten Wunsch. Zumal während der Kunstwochen dieses Jahres war der aufführungstechnische Stand meist sehr hoch.

Unter den Berliner Chören hat sich der Philharmonische unter Hans Chemin-Petit wieder in die erste Reihe (wie weiland unter Ochs und Klemperer) gespielt. Die Singakademie dagegen, anstatt sich um die alte Pflicht einer beispielgebenden Bachkennerschaft zu kümmern, stellte sich durch Palastrevolution der Jugend auf den Standpunkt, sie sänge als freier Verein unter demjenigen, der ihr am besten gefiele – hoffen wir, daß sich Mathieu Lange zu der geistigen Führerstellung emporarbeitet, die der jetzt fünfundachtzigjährige Georg Schumann einstmals für die ganze norddeutsche Oratorienpflege einnahm. Dann hat sich der Hedwigskathedralchor von Dr. Forster zu der Verwendbarkeit des vordem Kittelschen Chores hinaufgesungen. Diemehreren Riaschöre sind aus unserem städtischen Musikbilde ebensowenig wegzudenken. Unter den schon erwähnten Kirchenchören ist besonders die Spandauer Kantorei (G. Grote) als virtuose Peppinggilde herauszuheben.

Die Städtische Oper unter Tietjen war und ist Gegenstand lebhafter Kontroversen, zumal hinsichtlich wirtschaftlicher Bestausnützung ihres Siebenmillionenetats. Während in Ostberlin die im Admiralspalast unter Legal spielende Staatsoper und die, im Metropoltheater tagende Komischte Oper unter dem Stachanow der deutschen Opernregisseure, Felsenstein, eine natürliche Teilung des Repertoires durchführen können, muß das westberlinische Haus den Gesamtspielplan allein tragen. Sieht man von Tietjens ausgezeichneten eignen Wagnerinszenierungen ab, so werden auf der einen Seite mit etwas staubigen Verdigastspielen älterer Solistenlieblinge und mit Ausstattungsstücken Gelder verdient, diese aber mit einer Kette meist hoffnungsloser Uraufführungen (um einer großenteils radikalen Tagesfachpresse zu gefallen) schwungvoll wieder ausgegeben. Aber kein Gluck, nur ein Mozart, ein R. Strauß, kein Pfitzner, überhaupt sonst fast keine deutsche Oper zwischen 1883 und Egk oder Blacher! Zugegeben, die Aufgabe ist fast unlösbar; aber die Verpflichtung gegen die Gesamtheit des Opernspielplans sollte doch noch stärker sein als Momentgefälligkeiten.