Jeden Freitagabend kann man im RIAS eine Frauenstimme hören, die zu den Männern spricht: Mein lieber Herr ... Diese Sprecherin beantwortet Briefe, in denen Männer ihr ein menschliches, persönliches Problem ans Herz legen. Klug, mütterlich, einfühlend versucht sie allen Männern, die zuhören und Rat brauchen, seelisch auf die Beine zu helfen. Und das ist typisch für die Berlinerin!

Man sieht sie im Westen Deutschlands vielleicht noch genau so, wie „man“ sie früher sah, nämlich: als besonders chic, klug, keß, clever, vielleicht etwas anmaßend und leichtlebig. Aber es gab Zeiten, in denen auch die zuversichtliche Berlinerin daran zweifelte, daß sie je wieder „chic“ sein würde. Glücklicherweise geht es jetzt damit so eben hin, wenn auch längst nicht so, wie wir es wünschten und brauchten! Denn, chic sein, ist ja mehr als äußerlich nett aufgemacht sein. Der Chic fordert großen Ideenreichtum, fröhlichen Wagemut und modisches Avantgardistentum, viel Lebendigkeit also, Anteilnahme und Freude an der Gegenwart neben einer angemessenen Portion weiblicher Eitelkeit und – natürlich – dem nötigen Geld.

In der Nazi-Zeit war Berlin eine Männerstadt. Heute dominieren die Frauen – fast mit 25 Prozent. Berlin ist eine Insel, und man kann hier beruflich nur auf der Stelle treten. Das ist etwas, was Männer auf die Dauer nicht gut vertragen. Und Frauen? Sie auch nicht, gewiß, aber ihr Beharrungsvermögen und ihre kreatürliche Zuversicht sind größer, und außerdem: die meisten von ihnen hatten gar keine Wahl, ob sie bleiben wollten oder nicht. So ist denn heute ein Drittel sämtlicher „Haushaltungsvorstände“ in Berlin weiblich, und die überwiegende Mehrheit der Arbeitslosen besteht aus Frauen. Kommt man in ein Theater, so werden schätzungsweise drei Viertel des Publikums weiblich sein. Geht man in ein Lokal, so bemerkt man schnell, daß auf einen Mann zwei Frauen kommen, wenn nicht mehr. Das Stadtparlament hat prozentual die größte Zahl an weiblichen Abgeordneten von allen Parlamenten der Welt, und wenn ein Mann das „Resi“ besucht, wird er Chancen haben wie früher nie!

Direktor des Berliner Zoos ist eine Frau. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin ihres Mannes, der Gründer und Leiter des Berliner Aquariums war, stand Frau Dr. Heinroth nach seinem Tode im Sommer 1945 vor der Aufgabe, den Zoo zu retten. Es waren zwar nur 500 Tiere von den mehreren tausend übriggeblieben, aber diese auch nur notdürftig durchzufüttern, war ein Kunststück. Vom Aufbau des nahezu völlig zerstörten Zoos ganz zu schweigen. Sie hat beides geschafft! Frau Dr. Barowsky, Bürgermeisterin von Schöneberg, gehört zu den jüngsten Bezirksbürgermeistern und arbeitet seit 1945 in der Kommunalverwaltung. Frau Dr. Gambke ist Programmdirektorin des RIAS, Frau Dr. Höhlmann, Arbeitsgerichtsrätin. Frau Dr. Hunnecke, Chirurgin und Leiterin einer Klinik. Sie alle sind Frauen in sichtbaren verantwortungsvollen Stellungen, und neben ihnen stehen andere, unzählige Namenlose, deren winzige Positionen, auch wichtig sind, die vielleicht zwei, drei Kinder zu ernähren haben und darum doppelte Arbeit tun müssen. Das gibt es im Westen auch – gewiß. Aber eine Frau in Oldenburg etwa brachte von den nur wenige Jahre zurückliegenden Hamsterfahrten Milch, Speck und Eier zurück. Die Berlinerin hatte die dreifache Wegstrecke zu machen und kam mit Rhabarber und Salat nach Hause. Dieses Problem ist vorbei, aber geblieben ist die Tatsache, daß hier die gleiche Leistung immer die mehrfache Anstrengung kostet. Die Oldenburgerin kann verreisen, wohin sie will. Die Berlinerin muß dafür erst’ langwierige Formalitäten durchstehen.

„Durchstehen“ und „durchsetzen“, diese Begriffe sind gerade der Berlinerin mehr als geläufig. Daher die außerordentliche Elastizität, der sichere Blick für die „griffigen“ Stellen, aber auch ein harter Realismus, der unangenehm wäre, hätte er nicht oft das mildernde Mäntelchen des Humors. Die Berlinerin ist heute selbstsicherer, als sie jemals war. Bei den Wahlen wählt sie nicht mehr genau so wie ihr Mann, falls sie einen hat, sondern so, wie sie es für richtig hält. Sie besitzt zwar nicht immer eine politische Aktivität, aber den Instinkt für die politische Haltung, denn hier ist jede Kartoffel Politik.

Vielleicht wird man sagen, die Berlinerin habe einen etwas skrupellosen Lebensmut. Sie lebe ein wenig auf Kosten ihrer weiblichen Qualitäten, nämlich all der hübschen Dinge, für die man als Frau viel Zeit braucht und die ein allzu ausgeprägter kameradschaftlicher Geist leichtfertig für überflüssig hält. Aber dafür hat sie andererseits überschüssige Kraft, um, wenn es nottut, einem Mann seelisch auf die Beine zu helfen! Jeden Freitagabend kann man im RIAS eine Frauenstimme hören „Mein lieber Herr...“ So beginnt sie ihren Zuspruch an Männer, die sich keinen Rat mehr wissen. Sie spricht im Namen der namenlosen Berlinerin. G. v. N.