Von Joachim Puttbus

Berlin, im Dezember

Eine stille Straße in Berlin-Zehlendorf; eine Villa mit einem Schild: „Untersuchungsausschuß Freiheitlicher Juristen der Sowjetzone“. Tiefe Ruhe. Und doch dringt von hier aus ein leidenschaftlicher Schrei gegen das Unmaß von Rechtswillkür bis in den kleinsten Flecken der Ostzone. Hier, in Westberlin, sitzt der Generalstab einer mächtigen Widerstandsbewegung gegen die politische Unterwelt der Ostzone.

150 bis 200 Besucher erscheinen täglich. Jeder muß eine scharfe Musterung und eine sehr genaue Prüfung seines Ausweises über sich ergehen lassen. Dann wird er hinter einen Vorhang geführt und betritt das Wartezimmer. Es ist überfüllt. Viele der Menschen wenden ihr Gesicht ab, einige versuchen, es zu verbergen. Manchen hat die große Furcht hierhergetrieben. Anderen haben Leid und Erschöpfung die Gesichter gezeichnet. Überall hängen Plakate: „Vorsicht bei Gesprächen.“ Manchmal werden Buchstaben und Ziffern aufgerufen: „A 12, C 23!“ Dann verläßt einer der Besucher den Warteraum. Kein Name wird genannt.

Jeder Fall, der vorgetragen wird, ist nur ein Mosaiksteinchen. Mehr nicht. Man fragt sich, was für einen Sinn es hat, angesichts eines klar erkannten Systems von permanentem Unrecht Einzelfälle zu hören, wo es doch scheint, als könne man die Gewalt nur mit Gewalt brechen. Und dennoch hat man hier eine Methode gefunden, noch nicht faßbare Rechtsverbrecher in Schach zu halten, ja zu lähmen. Ohne Terror, ohne Haß, einfach nur durch die Drohung mit dem Recht. Und wie wirksam die Drohung ist, beweist dies: Der von MWD-Offizieren ins Leben gerufene Staatssicherheitsdienst hat ein stark besetztes Referat gebildet, das allein die Aufgabe hat, den Untersuchungsausschuß zu bekämpfen ...

Gegründet und beseelt wurde dieser Untersuchungsausschuß von Dr. Theo Friedenau, der vor rund zwei Jahren mit nur einem Studenten als Helfer den Kampf aufnahm. Bis dahin war er Anwalt mit einer großen Praxis in Brandenburg und Thüringen gewesen, die ihm tiefen Einblick in die sowjetzonalen Straf- und Wirtschaftsprozesse gewährte. Damals sammelte er einen Kreis von entschlossenen Menschen um sich, die Widerstand leisten wollten. Doch bald erkannte er, daß jede Arbeit in einer Widerstandsgruppe erfolglos bleiben würde. Es kam nicht auf einzelne Aktionen an, sondern darauf, das System zu entschleiern. Man mußte nicht nur erkennen, wie es wirkte, man mußte vor allem ausfindig machen, wohin die nächsten Schritte auf der Bahn des Unrechts führen sollten. Dr. Friedenau ist eine merkwürdig eindrucksvolle Persönlichkeit. Er erscheint fast kühl, streng auf den klaren Tatbestand ausgerichtet, kalt in den Gegenmaßnahmen, hingegeben an den immer härter werdenden Kampf. Aber plötzlich spürt man dahinter die ungeheure Leidenschaft. Es ist wie eine Besessenheit: dieser Gedanke vom unantastbaren Recht!

In den vergangenen Jahren hat sich unter der Leitung dieses Mannes der „Untersuchungsausschuß Freiheitlicher Juristen der Sowjetzone“ zu einer Organisation entwickelt, wie es sie noch nie gab. Er unterhält in der Sowjetzone ein paar tausend fest verpflichtete Mitarbeiter und einige tausend gelegentliche Mitarbeiter. Keiner von ihnen kennt den Namen des anderen. Selbst wenn die Mitarbeiter nach Berlin zum Bericht kommen, so sorgt ein Gewirr von Zimmern und Gängen dafür; daß keiner den anderen zu Gesicht bekommt. Niemand kann also, selbst wenn er gefoltert wird, einen anderen verraten. Diese Methode fußt auf den bitteren Erfahrungen, daß stets eine ganze Gruppe aufflog, wenn nur einer in die Fänge des SSD oder der MWD fiel. Denn den unmenschlichen Quälereien östlicher Verhöre kann niemand standhalten.