Funkelnde Boulevards und buntes, bewegtes Leben – Tägliche Spannungen zwischen Ost und West

Von Karl Willy Beer

An der Sundgauer Straße sind die Häuser fertig geworden. Und in Britz ist es auch soweit. Sie waren schon einmal so gut wie wohnbereit. Das war 1943. Damals wurden sie dann von nächtlichen Bomben wieder abgedeckt, und Regen und Schnee, Wind und Sonne trieben in den fast fertigen Wohnblöcken ihr Spiel. Nun, acht Jahre später endlich, brennt abends Licht hinter den Fenstern. Dies Tempo ist nicht das Tempo, das die Welt Berlin nachsagt. Es ist Berliner Schicksal.

Als 1945 die S-Bahn wieder anfing, stockend an den Häuserfratzen vorbeizufahren und die Menschen dichtgedrängt in den pappverklebten Abteilen standen, dachte man noch nicht an den Wiederaufbau. Aber mit der Zeit murrten die Menschen doch über die unfertigen Häuser. Wohnungen waren und sind rar – seit so viele dahin sind und so viele andre von Amerikanern, Engländern und Franzosen benutzt wurden. Sie waren sich alle einig – die Bezirksämter, der Magistrat, die Bewohner, die Parteien – : beim Aufbau kämen die Häuser in der Sundgauer Straße, in Britz und anderswo zuerst dran... Doch ehe die notwendigen Dachziegel zusammengescharrt waren, wurde es wieder Nacht über Berlin, und das nicht abreißende Rauschen und Dröhnen der Luftbrücke wurde die Lebensmelodie der blockierten Stadt.

Ein Schild, das an die Straße der fast fertigen Häuser genagelt worden war, wusch der Regen im Laufe der Zeit fahl. „Hier bauen wir wieder auf“ stand drauf. Die Blockade dauerte lange. Das Schild war verheizt worden. Und mit den ersten Heringsschwärmen, die am Blockade-Ende über Berlin, kamen, fuhr kein Zement, kein Mörtel, kein Bauholz mit. So viel anderes stürzte jetzt erst wie ein sehr verspäteter, aber sehnlichst erwarteter warmer Regen über die schmalen, geöffneten Furten nach Berlin. Nach der neuen Nacht der langen Stromsperren brannte wieder Licht. Die Stadt hätschelte die Ladenfenster, die Straßen mit Butter und Fleisch, mit Obst und Trikotagen, mit Schuhen und Kleidern.

Nicht, daß die Leute von der Sundgauer Straße in jenen Tagen gemeint hätten, jetzt sei es endlich Zeit für ihre unfertigen Wohnungen. Nein. Sie fanden es richtig, daß der Kurfürstendamm und die Steglitzer Schloßstraße strahlten; sie freuten sich an jedem stählernen oder hölzernen Gerüst, das an den zerfransten Ruinen der Boulevards hochkletterte. Wie zur Auferstehung ihres berlinischen Mythos beglückwünschten sie sich zu der Wiederkehr der großen Häuser: zum KaDeWe, zu Horn, zu Leineweber, zu Raddatz, zu Leiser, zu Karstadt, zu Rudolph, zu den Möbelpalästen und den üppigen Kino-Burgen, zum Lichterkorso am Tauentzien – zur quirlend lebendigen Fassade der Stadt.

Die deklassierte Armee