Von P. Bock-Schröder

Die Heimat der Aphrodite ist zum Stützpunkt des Mars geworden. Vom Cap Arnauti, in dessen Nähe einst die Göttin der Liebe ihre parfümierten Bäder genommen haben soll, bis zum Cap Andreas, wo sich heute eine Nachbildung des vom Apostel Andreas gegründeten Klosters erhebt, treiben Ingenieure der Royal Navy und Royal Air Force die Arbeiten am Bau von Flug- und Flottenbasen voran. Zu Füßen der Kreuzritterburgen auf den Bergrücken der Insel suchen amerikanische Geologen nach Öl, sprengen Techniker unterirdische Treibstofflager in die Felsen. Und im Schatten venezianischer Bauten löschen Transporter im Hafen von Famagusta fast täglich neues Kriegsmaterial. Cypern, die letzte Position Großbritanniens im Mittleren Osten, ist vom Empire-Generalstab zu einem neuen Eckpfeiler seiner Verteidigungsstrategie ausersehen. Die Türkei und die Levantestaaten liegen in unmittelbarer Nähe. Griechenland, die arabischen Nationen und der Suez-Kanal sind nur eine Flugstunde entfernt. Die Insel ersetzt Malta, Palästina und Ägypten.

Von der halben Million Einwohner sind rund vier Fünftel Griechen. Sie sprechen griechisch und seit sie 1878 englische Kolonie wurden, hat ihr Streben nicht aufgehört, sich wieder mit dem Mutterland zu vereinigen. Bereits im Jahre 1907 schrieb Churchill in “The Cyprus Gazette“‚ es sei angebracht, vor dem natürlichen Drang der Cyprioten mit dem größeren Ganzen wieder vereinigt zu werden, Achtung zu empfinden. Nach dem ersten, Weltkrieg, in dem die Cyprioten auf alliierter Seite in der Saloniki-Armee mitkämpften und mitstarben, versprach ihnen Lloyd George sogar feierlich, daß sie eines Tages heimkehren dürften ins Mutterland. Heute warten sie noch immer auf diesen Tag, heute ist das Thema des Anschlusses so aktuell wie je. „Enonsis“, das heißt Vereinigung und ist zugleich Programm und Name der Anschlußbewegung. Der eigentliche Führer dieser Bewegung ist der 38jährige orthodoxe Erzbischof Macarios, die bedeutendste politische Gestalt, die die Insel besitzt. Wie in manchen Diktaturen Tyrannenbilder, so findet man hier in Büros, Privatwohnungen und öffentlichen Lokalen freiwillig aufgestellte Photos von Macarios, und auch Statuten des Erzbischofs in Gips kann man überall erwerben. Nach einem Putschversuch der Heimattreuen Cyprioten wurde Macarios 1931 mit sechs anderen führenden Geistlichen von der Insel ausgewiesen und kehrte erst 1945 zurück. Die größte Zeitung der Insel „Ethnos“ unterstützt seine Politik. Macarios, der einer alten Bauernfamilie entstammt und seit neun Monaten sein Amt als Erzbischof innehält, hat den englischen Gouverneur noch nie zu Gesicht bekommen. Sein Verhältnis zu England ist nach seinen Worten „gar kein Verhältnis“. Auf die Frage, ob es stimme, daß die Kirche die eigentlich treibende Kraft in der Anschlußfrage sei, antwortete er: „Die griechisch-orthodoxe Kirche hat von jeher in der Geschichte Griechenlands in der Politik eine bedeutende Rolle gespielt. So wurde der Befreiungskampf der Griechen gegen die 400jährige Türkenherrschaft im vergangenen Jahrhundert sowohl im Mutterland als auch in Cypern von der Kirche entfacht und geleitet. Die Kirche stellt dabei lediglich den Willen des Volkes dar. So ist es auch heute. Von den 370 000 Griechen wollen alle, bis auf eine kleine Gruppe von Verrätern, die in englischen Diensten steht, die Rückkehr ins Mutterland.“

Die zivile Gewalt liegt ausschließlich in Händen des britischen Gouverneurs und seiner 100 Verwaltungsbeamten. Sie treten auf der Insel nur wenig in Erscheinung, im Gegensatz zum britischen Militär. Vor dem Kriege umfaßte die britische Garnison etwa 1000 Mann. Heute beträgt sie ein Vielfaches.

Es gibt nichts Schlechtes, was die Cyprioten den Engländern nicht zutrauen würden. Die Abneigung geht so weit, daß den Engländern sogar der Vorwurf gemacht wird, sie verhinderten’absichtlich die Auffindung und den Ausbau neuer Brunnen. Dabei ist die Wasserfrage entscheidend für das Land. Wo es Wasser gibt, bringt das Jahr drei Ernten. Wo es Wasser gibt, gleicht die Insel einem Paradies.

Neben den Griechen leben noch 85 000 Türken als selbstbewußte Minderheit auf der Insel. Sie sind den Engländern aus zwei Gründen lieber als die Griechen: einmal kennen sie keine Anschlußfrage und zum anderen vertreten sie eine schärfere antikommunistische Einstellung. Aber dennoch hüten sich die Engländer, die Türken offiziell gegen die Griechen auszuspielen. Sie wollen keinen Unfrieden – auf, der Insel. Sie machen eine möglichst leise Politik in Cypern. So ist denn, trotz aller bösen Reden auch nicht damit zu rechnen, daß in absehbarer Zeit auf der Insel irgendeine wirklich ernste Krise die britische Herrschaft bedroht.

Im Grunde ihres Herzens sind auch die Cyprioten darüber nicht allzu böse. Sie verabscheuen Verwicklungen. Ihr Leben fließt gemächlich dahin. Die tausend kleinen Sorgen des Alltags erscheinen ihnen wichtiger als die verwirrenden politischen Kombinationen, die die übrige Welt in Spannung halten. Sie sind gastfreundlich und arbeitsam. Wirkliche Not ist kaum vorhanden. Bettler sind Ausnahmen, und seit etwa einem Jahr ist den Cyprioten als erster Vorläufer des American Way of Life auch der Genuß von Coca Cola geschenkt. Arbeiter verdienen etwa 10 Shilling am Tag; 1938 betrug der Tagesverdienst 1 Shilling. Und die Lebenshaltungskosten haben sich seitdem nur verdreifacht. Kaufleute und Handwerker machen gute Geschäfte. Die Schaufenster und Läden zeigen verlockende Waren meist britischen Ursprungs. Die Kinos sind modern. Peinlich genau wird die befohlene Dreisprachigkeit eingehalten; alle Straßenschilder, alle Befehle sind in Englisch, Griechisch und Türkisch gehalten.