Ein Literaturskandal ist unter Schriftstellern in Frankreich eine Krankheit wie die Masern; ein jeder muß sie einmal gehabt haben, um sich nicht anderer Krankheiten verdächtig zu machen oder sich der Gefahr auszusetzen, daß sie ihn zu ungelegenen Zeiten trifft. Julien Gracq, den die Académie Goncourt soeben, anläßlich ihres traditionellen Austern-Frühstücks im Restaurant Drouant, mit dem wertvollsten französischen Buchpreis, dem diesjährigen „Prix Goncourt“ auszeichnete, war einer der wenigen jüngeren Autoren, die von den Masern bisher verschont geblieben waren.

Nun steht der betont zurückhaltende einundvierzigjährige Gymnasiallehrer, der seine schriftstellerischen Neigungen unter einem wohlbehüteten Pseudonym zu verbergen wußte und seinen Schülern nur unter dem etwas simplen Namen Louis Poirier bekannt war, plötzlich im Mittelpunkt eines halb belustigten, halb sensationshungerigen Interesses: er hat es nämlich gewagt, den Prix Goncourt, der ihm für seinen Roman „Le Rivage des Syrthes“ verliehen worden war, rundweg abzulehnen – ein „Sakrileg“, das in der Geschichte der Académie ohne Beispiel ist.

Er mußte ihn ablehnen, denn gerade er war es gewesen, der vor einem Jahr in einem satirischen Pamphlet die Industrie der literarischen Preisverteilungen als eine der übelsten Erscheinungen im geistigen Leben Frankreichs angeprangert hatte. „Unsere neuen Schriftsteller“, so meinte er damals, „machen den Eindruck von ausgemergelten Schindmähren, die unter der Pression einer circensischen Peitschensalve müde ihr Hinterteil zu heben versuchen, aber nach der ersten Nummer bereits den Stall wittern und zu ihrer Futterkrippe, traben.“

Die zehn Goncourts (einschließlich ihrer bettlägerigen Präsidentin Colette) kannten diesen Satz natürlich und sie haben ihn, als sie ihre Austern schlürften, vermutlich sogar memoriert. Aber sie hatten sich nicht über die Person des Autors oder die Originalität seiner Aperçus auszusprechen, sondern über ein Werk, von dem sie glaubten, daß es einen Platz in der französischen Literatur zu beanspruchen habe. Julien Gracq, dessen erster Roman „Au Chateau d’ Argot“ im gleichen Jahr wie Sartres erste Novelle, „La Nauseé, erschien, ist heute neben André Breton, seinem Entdecker und „guide spirituel die stärkste dichterische Kraft, die der Surrealismus hervorgebracht hat.

Vielleicht ist er sogar der einzige unter den Schülern Bretons, dem es gelungen ist, das große Thema der „surrealistischen Revolution“, die Befreiung aller irrationalen Kräfte des Menschen, die totale Abdankung der Vernunft, die Diskreditierung der sinnlichen Realität und die Schaffung einer neuen „Mystik der Revolte“, in eine traditionelle Stilform zu integrieren, in den klassischen Stil des französischen Romans.

„Le Rivage des Syrthes“ ist kein Roman im Sinne einer logisch verständlich ablaufenden Handlung, sondern eine mythische Dichtung, deren mysteriöse Geschehnisse um so unverständlicher werden, je klarer, realistischer und bilderreicher der Stil ist, in dem sie beschrieben werden. Aus der Geschichte eines jungen Marineoffiziers, der durch eine eigenmächtige Handlung die dreihundertjährige Feindschaft zweier Seefahrernationen in einen Krieg verwandelt, hat Julien Gracq die Geschichte einer Seelenmetamorphose entwickelt, durch die die äußere, scheinbare Wirklichkeit wieder ins Traumhaft-Legendäre entrückt wird.

Julien Gracq steht in der Tradition der großen Mystiker, die von St. Martin und Nerval zu Lautreamont und Rimbaud hinführt; er ist, wie die meisten der Surrealisten, ein direkter Nachfahre der Romantik. Das könnte man – in sehr viel bescheidenerem Maße – auch von Anne de Tourville sagen, einem bretonischen Edelfräulein, die mit ihrem ersten Roman, „Jabadao“, einer Liebesromanze im „genre fantastique“, die Damen vom Club „Femina“ bezauberte. Ein provinzieller Überraschungsieg, an den niemand so recht geglaubt hatte, weil die Chancen für Louise de Vilmorin und ihre „Madame de“ gesichert schienen.