Der Südweststaat ist am vergangenen Sonntag durch die Volksabstimmung unter heftigen Wehen geboren. Und so wird denn die Bundesrepublik in Zukunft nur noch aus neun, statt wie bisher aus elf Ländern bestehen. 93,5 v. H. in Nordwürttemberg, 91,4 v. H. in Südwürttemberg-Hohenzollern, 57,1 v. H. in Nordbaden und 37,8 v. H. in Südbaden sprachen sich für die Vereinigung der alten Länder Baden und Württemberg zum Südweststaat aus. Die Bedingung des zweiten Neugliederungsgesetzes des Bundestags vom 4. Mai 1951 ist also erfüllt: die Mehrheit in drei Landesteilen war dafür. Sonst wären automatisch die beiden alten Länder Baden und Württemberg, wie sie vor 1945 bestanden, wieder gebildet worden. Die Abstimmung hat allerdings einen Schönheitsfehler, daß nämlich, wenn man die Stimmen von ganz Baden, also dem nördlichen und dem südlichen Teil, zusammenzählt, sich eine Mehrheit von 52,7 v. H. für Altbaden ausgesprochen hat. Darauf pocht nun Südbadens Staatspräsident Professor Wohleb mit seinem Kreis. „Der Kampf geht weiter“, sagte er in der ersten Morgenstunde des Montags, und kündigte einen Appell an den Bundestag an. Wir aber möchten dennoch wünschen, daß der dreijährige, zuweilen häßliche Kampf zwischen Freiburg und Stuttgart zu Ende ist, und wir glauben, daß auch die Mehrheit der badischen Bevölkerung, des Streites müde, sich mit der Volksabstimmung abfinden wird. Baden – eine Schöpfung Napoleons – hat im 19. Jahrhundert sehr viel zur Bildung des Bismarckschen Reiches beigetragen und sich dadurch große Verdienste um Deutschland erworben. Es sollte jetzt seinen Ruf durch einen Kampf gegen die Beschlüsse des Bundestags nicht gefährden.

Außenpolitisch gesehen, ist der Zusammenschluß nur zu begrüßen. Denn mit Südbaden verschwindet ein schwaches Land von der Peripherie der Bundesrepublik, das als Landbrücke zwischen Frankreich, Schweiz, und Österreich leicht in die Gefahr kommen konnte, ein Objekt der Politik Richelieus zu werden; dessen Testament in Paris trotz Schümann und Pleven-Plan bis heute nicht vergessen ist, wie das „Saar“-Beispiel zeigt. Und wirtschaftlich gesehen ist der Zusammenschluß beider Länder eine glückliche. Mischung von Land- und Forstwirtschaft, von Groß-, Mittel- und Kleinindustrie. Schließlich bedeutet die Vereinigung die Gründung eines Landes, das mit 6,5 Millionen Einwohnern nach Nordrhein-Westfalen, Bayern und Niedersachsen an vierter Stelle steht, mit 36 000 qkm nach Bayern und Niedersachsen an dritter Stelle und durch sein Industriepotential nach Nordrhein-Westfalen an zweiter Stelle in der Bundesrepublik rangiert. Die praktische Durchführung des Neugliederungsgesetzes durch einen Ministerrat, eine verfassunggebende Landesversammlung, die Bildung einer Regierung und die Wahl eines Landtages wird, wenn alles programmäßig verläuft und Südbaden die Bundesrepublik nicht zu drakonischen Maßnahmen zwingt, bis Mai nächsten Jahres beendet sein. Wir schlagen vor, daß man dann, wie Bei Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, beide Landesteile Baden und Württemberg im Namen vereint. Bruno Lenz