Von Martin Rabe

Wenn in den letzten Jahren im westlichen Deutschland an irgendwelchen wichtigen Plätzen eines Kunstausstellung veranstaltet wurde – sei es in Berlin, Düsseldorf, München, Hannover, Köln oder Hamburg –, so ergab sich immer wieder das gleiche Bild: Das Niveau der ausgestellten Werke, der Malerei wie der Plastik, war bemerkenswert. Leistungen, die über dieses allgemeine Niveau sichtbar hinausgehen, waren selten, ja, man ist versucht, geradezu zu sagen – sie waren nicht vorhanden. Die Allgemeine Hamburger Kunstausstellung 1951, die der Hamburger Kunstverein kürzlich in Räumen der Hamburger Kunsthalle eröffnet hat, macht von dieser Regel keine Ausnahme. Wer früher – vor der Nazizeit – Gelegenheit gehabt hat, jahraus, jahrein die Einsendungen zu den Ausstellungen der Hamburgischen Sezession zu sehen, bevor die Jury zusammentrat, wird feststellen müssen, daß in der Tat die durchschnittliche künstlerische Qualität heute höher ist, als sie früher war. Niemals gab es ehedem so viele Einsendungen junger Künstler, die ohne weiteres – und mit Recht – die Jury passieren konnten, niemals auch war die Zahl der abgelehnten Werke prozentual so niedrig gegenüber den angenommenen. Woran liegt dies? Man muß versuchen, es zu ergründen, denn diese Erscheinung, wie gesagt, beschränkt sich nicht auf Hamburg, sondern ist in Deutschland ganz allgemein anzutreffen.

Einen Hinweis mag man in folgendem finden: Überall kann man an Hand der eingesandten Werke leicht feststellen, welche großen Künstler der modernen Epoche im Laufe des letzten Jahres an dem Ausstellungsort zu sehen waren, etwa Beckmann, Moore, Matisse, Picasso, Leger, Münch. Die Manier wird leicht nachempfunden, aber mit der Manier zugleich wird auch ein Teil der Qualität aufgenommen. Das ist der Vorteil, wenn man in der Kunst in erster Linie rezeptiv und nicht produktiv eingestellt ist.

Eine Hebung des allgemeinen durchschnittlichen Niveaus wäre bereits hiernach verständlich. Es kommt hinzu, daß die moderne Malweise, indem sie den Maler vom Objekt weitgehend unabhängig macht, ihm um so mehr Freiheit gibt, sich in Farbe und Form zu verlieben. Wie fördernd dies ist, zeigt gerade die Hamburger Ausstellung. Man war in der Jury großzügig und fair genug, auch die älteren Künstler, die beim Impressionismus und Spät-Impressionismus stehengeblieben sind, in der Ausstellung zur Geltung kommen zu lassen. Ihre Bilder verblassen gegenüber denen der heutigen Jugend, wie sich ja der deutsche Impressionismus kaum je von der Farblosigkeit der Historienmalerei des neunzehnten Jahrhunderts hat lösen können.

Bezeichnenderweise fehlt dieses unmittelbare Verhältnis zur Farbe in Deutschland heute auch fast ausnahmslos den Vertretern der angeblich modernsten, der sogenannten abstrakten Malerei. Wie die Historienmaler und Realisten des neunzehnten Jahrhunderts schaffen auch sie über den Verstand, und so geraten sie in eine gefährliche Nachbarschaft, die sie um alles in der Welt vermeiden möchten. Der Hamburger Kunstverein nämlich hat fairer Weise auch den von der Jury abgelehnten Künstlern Räume zur Verfügung gestellt, damit ihnen nicht der Weg zum Publikum abgeschnitten werde. Alle diese abgelehnten Werke, die man jetzt sehen kann, stimmen in einem überein, daß ihnen nämlich das künstlerische Verliebtsein in Farbe und Form mangelt, und dies teilen sie eben mit fast allen „abstrakten“ Werken, die die Jury hat passieren-lassen.

Es ist also die Faktur, die Machart, insbesondere das neue Gefühl für die Farbe, das der heutigen Malerei ihre neue durchschnittliche Qualität verleiht. Von der Plastik kann man ähnliches sagen: Die Freiheit der Form, die Lehmbruck, Despiau, Maillol, Scharff und Blumenthal erobert haben, ermöglicht es heute auch dem durchschnittlich Begabten „interessant“ zu arbeiten.

Soll man sich nun damit begnügen^ das Niveau zu loben und den Mangel an Persönlichkeit zu übersehen, der besonders bei den jungen Künstlern heute vorhanden ist? Dies wäre ein Versagen der Kritik. Gustav Pauli, Max Sauerlandt, Fritz Schumacher und Emil Maetzel haben in den Jahren vor 1931 den Hamburger Senat dazu bewogen, Aufträge für Fresken, Bauplastik und Freiplastik an Hamburger Künstler zu erteilen. Damals sagte Ludwig Justi, der Direktor der Berliner Nationalgalerie: Der erstaunliche Aufschwung der „Hamburger Schule“ ist hauptsächlich diesem einzigartigen Mäzenatentum des Hamburger Senates zu verdanken.

Glücklicherweise ist diese Tradition nicht vergessen. Hamburgs Bürgermeister Brauer hat bei der Eröffnung der Allgemeinen Hamburger Kunstausstellung mitgeteilt, daß in Zukunft möglichst zwei v. H. der Bausumme bei staatlichen oder staatlich subventionierten Bauten für künstlerische Ausschmückung aufgewandt werden sollen. Hierdurch sollen Hamburger Künstler gefördert werden, und es ist zu hoffen, daß sie dabei häufig vor monumentale Aufgaben gestellt und in diesem Wettbewerb zu einer Steigerung ihrer individuellen Leistungen kommen werden. Es wäre gut, wenn in anderen – oft so stolzen – Kunststädten Deutschlands die Kunstpolitik des Hamburger Senates Nachahmung fände. Vermutlich würde sich dann das heute übliche Bild der Kunstausstellungen ändern. Aus einem guten durchschnittlichen Niveau würden dann wieder starke Einzelleistungen herausragen.