Von Friedrich Sieburg

Manchmal, während das Leben seinen Gang geht, überkommt es uns wie ein Erschrecken. Wo ist Berlin? Sind wir dabei, diese Stadt zu vergessen? Sind wir es müde geworden, den Stachel in unserem Herzen zu fühlen? Auch an Schmerzen gewöhnt sich der Mensch, weil das Leben sonst nicht zu bewältigen wäre. Aber dieser Schmerz muß wach bleiben.

Eine Hälfte Deutschlands ist schon von den Wogen der östlichen Tyrannei überflutet, dünn ist der Deich, der uns schützt. Es ist ein Deich aus Programmen, Ideen und Fiktionen, aber er hält noch, solange wir glauben. Jenseits von ihm ist alles Flut, aus der noch eine Boje herausragt: Berlin.

Niemand würde auf den Gedanken kommen, die Stadt als Querschnitt durch Deutschland oder auch nur als Spiegel zu sehen, in dem der Reichtum an deutschen Stämmen und Landschaften sich fangen kann. Berlin ist weniger und mehr, weil es zwar nicht den Querschnitt durch unser Land, aber den durch unser Schicksal gibt. Leiden an der Zeit und Kampf mit ihr, die Lust, sich mit dem Chaos auseinanderzusetzen, in der Bewegung einen Wert an sich zu sehen, das harte Nebeneinander von endloser Problematik und knappestem Programm, kurzum, der so schwer erfaßbare Zustand des deutschen Geistes wird hier jäh und blitzartig erfaßbar, sogar sichtbar. Die zur Form gesteigerte Unform ist in Trümmer gesunken. Und doch wird der Umriß eines Volkes, dessen Wesen der Form zu spotten scheint, in Berlin wie ein Schauer fühlbar. Es sind geliebte Züge, die auf ewig in den Rohstoff zurückzusinken drohen, aus dem der rastlose Meißel sie einst heraushob.

Wir haben keine politische Möglichkeit, uns wieder einen natürlichen Mittelpunkt zu geben. Das ist eine harte Strafe für eigene und fremde Irrtümer. Die Künstlichkeit des Staatsgebildes, in dem wir leben – wird sie jemals zur Natur werden? Wir müssen noch schärfer fragen: darf sie es? Die Versuchung ist groß, sich aus dem deutschen Gesamtschicksal wegzustehlen und in dem Bruchstück, das unsere Lebensfläche bildet, zu resignieren. Die Demokratie ist – trotz aller Lasten – eine milde Staatsform, die nicht zum Trotzen und Kämpfen einlädt. Die gähnende Langeweile unseres öffentlichen Lebens täuscht uns eine Unbeweglichkeit vor, auf die wir kein Recht haben. Denn wir sind nicht nur in unserer Sicherheit, sondern auch in unserer Lebensform bedroht. In Berlin wird getrotzt. Die Stadt lehrt uns, daß es nicht unbedingt zum Wesen der Demokratie gehört, die Dinge gehen zu lassen und die Hände in den Schoß zu legen. Wenn wir auf dieses Zentrum, das von der Flut getragen wird, verzichten, hören wir auf, Deutsche zu sein. Wir werden dann vielleicht bequemere und übersichtlichere Europäer, aber wir geben den Kern unseres Wesens preis. Zwar ist Berlin kein uraltes Gewächs, das organisch dem treuesten Boden entwachsen ist. Aber es ist durch Willensakte entstanden, von denen wir uns nicht lossagen dürfen. Aus Flugsand sind Quadern geworden, und wenn die Bomben auch vieles an dieser irdischen Form zerstört haben, so bleibt doch der Boden, der auf die Samenkörner unserer Treue wartet.

In Berlin reitet kein Ritter zwischen Tod und Teufel seines Weges. Da gibt es keine Melancholie, die den Zirkel sinken läßt, da sitzt kein Hieronymus versunken und doch hellsichtig in seinem Gehäuse. Keine Quellen rinnen, an denen der Wanderer einschlafen kann, während der Eremit seine Reisepferde demütig auf die Weide führt. Kein Mond geht über dem Wiesental auf – lautlos, um das schlafende Brüderchen nifht zu stören – nein, dem Herzen ist keine Ruhestätte geboten und kein Stützpunkt, außer dem, den der eigene Wille unermüdlich bereitstellt, um von ihm aus weiter ins Unendliche vorzustoßen. Weiter, weiter, sich nicht unterkriegen lassen, widerstehen, überleben! Mehr als das – angespannt sein, nicht stehen bleiben. Der Weg geht um Haaresbreite am Abgrund entlang. Wer verweilt und zögert, der stürzt in die Tiefe. Das war von jeher unsere Gefahr, aber auch unsere Möglichkeit. Die Bedrohtheit unseres Wesens mag sich in der milderen Luft des Westens verringern. Aber in dem Maße, wie sie schwindet, schrumpft auch unser Antrieb ein, wieder ein großes und aufrechtes Volk zu werden. Hölderlin spricht zu Germanien: „Ein großes Glück bist du zu tragen stark geworden.“ Daß er vom Glück wie von einer Last und von der Last wie von einem Glück spricht, beweist, wie wenig es uns gegeben ist, auszuruhen. Unvergessen ist die schmachvolle Leichtigkeit, mit der wir vor wenigen Jahren Preußen begraben haben. Als ob die Problematik, die unserem Wesen aus Preußen zuwuchs, mit diesem eiligen Begräbnis aus der Welt geschafft worden wäre! Berlin ist noch da, es ist die kühnste und zugespitzteste Formel für die deutsche Art, für die gefährlich großartige Kunst, mit nichts zu beginnen und aus nichts eine Welt zu bauen. Wir haben die Wahl, Berlin aus unserem Bewußtsein als lästigen Mahner zu verdrängen und ein lahmes Zweckgebilde zu werden, oder an Berlin als dem Kernstück unserer Art festzuhalten und wieder zu einem echten Volk aufzusteigen.

Es ist keine Lösung, in Vichy oder Bonn, zwischen Uferpromenaden und Rentnersvillen, eine Hauptstadt zu fixieren, die immer nur eine Ansammlung von Büros sein kann. Was in unserem Lande welkt und einschrumpft, das hat seine Wurzel verloren. Aus lauter Provinzstädten, mag ihre Energie auch noch so erstaunlich sein, bildet sich kein Land und keine Nation. Irgend jemand muß die Maßstäbe geben, irgendwo muß der Anker ausgeworfen werden in einen Boden, den der gemeinsame Wille eines Volkes durch seine Geschichte, in Schuld und Bewährung, fruchtbar gemacht hat. Deutschland steht an der Klagemauer – davon wird kein Jerusalem wieder lebendig. An Berlin denken, heißt, sich nicht mit dem Bruchstück abfinden, auf dem wir zusammengedrängt sind. Ohne Berlin werden wir nie wieder ein Volk.