Von Friedrich Luft

In Berlin wittern Freunde der Bühnenkunst Morgenluft. Vor einem Jahre wurde noch über die szenische Lethargie, und Provinzialisierung Berlins Klage geführt – jetzt geht es vorwärts. Was die Entdeckerfreuden an hiesiger Dramatik und den Wagemut am ersten Aufgreifen ausländischer Stücke allendings angeht, so hapert es daran immer noch merkbar. Die akzentuierten Uraufführungen finden nach wie vor außerhalb der früheren Hauptstadt statt.

Aber es gab in der vergangenen Spielzeit – einige Theaterabende, die der Perfektion nahekamen: Oscar Fritz Schuh zum Beispiel, sonst auf der Oper zu Hause, inszenierte für die Freie Volksbühne Pirandellos „Sechs Personen suchen einen Autor“ meisterhaft. Im Schillertheater wagte der gleiche Regisseur in den wunderbar märchenhaft ironisierenden Bühnenbildern Caspar Nehers Nestroy in Berlin heimisch zu machen. „Die beiden Nachtwandler“ ist gewiß nicht die stärkste Posse des biedermeierlichen Wunderdichters. Aber Schuh zog sie parodierend so schön in die Höhe, er machte sie durch allerlei bühnenverliebte Späße so schmackhaft und würzig in ihrem heiteren Pessimismus, daß ein Schuß grantigen, würzigen Wienertums in das Schillertheater kam. Der Pomp der Armut, der Charme des Achselzuckens. Ein Abend der melancholisch heiteren Bezauberung, die Karl Hellmer hier in der Mittelpunktsrolle mit allen trockenen Humoren durchsetzte.. Neben ihm Kurt Meisel; dessen Charme einen Schuß Bösartigkeit wunderbar trug.

Sonst ist Berlin mit der breiten, ausladenden, mit Technik überhäuften neuen Bühne des Schillertheaters nicht recht warm geworden. Eine Beaumarchais-Aufführung des „Tollen Tages“ verlief sich und ließ uns heimlich immer nur nach Mozart rufen. Jetzt bereitet Barlog (zu Weihnachten ausgerechnet!) den „Sommernachtstraum“ dort vor.

Die Dependance solchen Berliner Staatstheaters, das kleine Haus in Steglitz, ist da offenbar leichter mit Wohlgefallen zu füllen. Anouilhs „Colombe“ machte Käutner zu einer zierlichen Spielerei, mit vielen dezent kabarettistischen Gags durchsetzt. Ernst Deutsch und Marianne Hoppe – in einem quälenden Stück von Clifford Odets, „Mädchen vom Lande“, Deutsch in der Rolle eines abgesackten, monomanen Bühnenstars – zeigten den Berlinern alle Schattierungen einer nervösen, psychologisierenden Schauspielkunst. Das schönste im Schloßparktheater aber: ein Morgen, an dem ein Kritiker auf der Bühne saß und aus seinen Schriften las: Alfred Polgar, durch lange Jahre vor 1933 der heimliche König unter den Kritikern unserer Sprache. Es wurde ein Sieg des Autors, der zart und weißhaarig, verschmitzt, schüchtern und mit leichtem Wiener Tonklang seine Prosastücke anbot.

Shaw, dem weit unbequemeren und verdrießlicheren Meister der satirischen Wendung, hätte man für „Die Häuser des Herrn Sartorius“, seinem überhaupt ersten Stück, die Erfolgschancen nicht mehr gegeben, die es sich in diesen Tagen, sechzig Jahre nach seiner zeitgebundenen Entstehung, im Kurfürstendammtheater doch noch errang. Eine durch heitere Psychologie klug gemilderte und gesteigerte Anklage gegen die Mietausbeuter des London von 1890. Hier wurde es ein Schauspielererfolg für Walther Süßenguth und O. E. Hasse.

Die Osttheater der Stadt stagnieren. Ihr Spielplan zeigt „fortschrittliche“ Klassikerbearbeitungen, die, da die kompetenten Schauspieler alle westlich abgewandert sind, ohne Echo bleiben. Oder sie halten die üblichen „Aufbau“- und „Aktivisten“-Stücke hin, mühsam dramatisiertes Werbematerial für die jeweils geforderte propagandistische „Schwerpunkt“-Linie. Und sogar Brecht, dessen „Lukullus“ auch in der purgierten Form bald wieder vom Spielplan der östlichen Oper verschwand, konnte bisher nicht einmal eine Neueinstudierung seines „Puntilla“ im Deutschen Theater durchsetzen. Auch er, „formalistisch“ suspekt, verliert den Glanz und die authentische Attraktion, die seine bedeutenden Versuche vor zwei Jahren noch ausstrahlten.