Von Paul Ortwin Rave

Die Berliner Museen haben eine bemerkenswerte Geschichte hinter sich. Den gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts einsetzenden ersten Bestrebungen zur Museumsgründung gaben die Freiheitskriege Aufschwung. Männer wie Stein, Hardenberg, Wilhelm v. Humboldt schufen die Grundlagen, Schinkel gab dem ersten Bau die Gestalt. Dieser, später das „Alte Museum“ geheißen, 1830 eröffnet, war der Keim, von dem aus eine ganze Welt wissenschaftlicher Arbeit sich entfaltete. Die Entwicklung fand ihren Abschluß mit der Eröffnung des Pergamon-museums, 1930, genau hundert Jahre nach der des Schinkelschen Museums am Lustgarten.

Der Verfall setzte ein mit Hitlers verstiegenen Absichten, den Bereich der Museums-Insel um das zwei- oder dreifache zu erweitern. Mit der Anhäufung ebenso „gewaltiger“ wie öder Neubauten wäre eine Museumsstadt von äußerlicher, scheinhafter Pracht entstanden. In Wirklichkeit wurden nämlich schon vor dem Kriege mehrere öffentliche Sammlungen zerstört: das Volkskunde-Museum wurde aus Schloß Bellevue hinausgeworfen, weil dieses Gästehaus des Reiches werden sollte; die Nationale Bildnis-Sammlung ebenso wie das Jüdische Museum wurden aufgelöst, das Schinkel-Museum heimatlos, die Galerie der Gegenwart im Kronprinzen-Palais als Stätte der sogenannten Entarteten Kunst vernichtet, und die schönsten Ausstellungsräume Berlins gingen verloren, weil Speer mit seinem Büro für den Generalbebauungsplan in die Akademie am Pariser Platz einzog. Der Krieg gab den Berlinern Museen den Rest. Bergungen und Auslagerungen, Verbombungen und Brände, schließlich rücksichtslose Abtransporte seitens der Sieger ließen Trümmerstätten, fast leere Keller und ein Häuflein von Fachleuten zurück, die solchem Ruin wie gelähmt gegenüberstanden.

Von außen betrachtet konnte die Lage einigermaßen hoffnungslos erscheinen. Aber kaum einer aus dem verbliebenen Stamm der Gelehrten mochte sich entschließen abzuwandern; im Gegenteil suchten die Versprengten und Heimkehrer die alte Arbeits- und Forschungsstätte wieder auf. Freilich wurde die Situation zunächst nicht gerade besser, als sich mit der Spaltung Berlins auch das Museumswesen in zwei Lager schied. Aber dies brachte doch wenigstens ein Gutes mit sich: Westberlin konnte jetzt wieder, langsam zwar und gegen Widerstände, mit dem in Westdeutschland (Celle und Wiesbaden) lagernden Museumsgut arbeiten. Und dort liegt mehr, weit mehr als ein einziges Museumsgebäude fassen könnte.

So begann denn ein ebenso vorsichtiges wie weitsichtiges Planen. Der Gedanke einer Zentralisation, durch Hitler ad absurdum geführt, ist überwunden. Man wird tunlich mehrere Schwerpunkte bilden, in verschiedenen Teilen der Stadt. Es haben sich auch schon dafür geeignete Baulichkeiten gefunden. So entsteht nahe beim Tiergarten und doch auch nahe genug am Verkehrsmittelpunkt des Bahnhofs Zoo in dem Gebäude eines früheren Offizierskasinos eine Stätte, wo neben der vielbenutzten Kunst-Bibliothek die Galerie der Lebenden Anziehung ausüben wird. Ein weiterer „Schwerpunkt“ kann das Charlottenburger Schloß werden. Hier ist ein ausgezeichneter Anfang gemacht mit der Aufstellung des schönsten Reiterbildes des Barock, des Großen Kurfürsten von Andreas Schlüter. In einzelnen Räumen des Schlosses selbst folgt eine bedeutende Ausstellung der anderen (zuletzt die Lebenswerke von Kokoschka und Beckmann). Auch die Museen konnten hier bereits Teile ihrer aus Celle geholten Bestände zeigen, so die Malerei des neunzehnten Jahrhunderts, dann die großen Kostbarkeiten ostasiatischer Malerei. Anderes ist in Vorbereitung.

Das Museum in Dahlem ist ein ausgedehnter, bereits auf Betreiben Bodes errichteter Bau, ursprünglich als Asiatisches, also als ein Teil des Völkerkunde-Museums gedacht. Der erste Weltkrieg verhinderte seine innere Fertigstellung, der zweite verschonte ihn ziemlich. So konnte er jetzt mehreren Zwecken dienlich gemacht werden, was seiner Weitläufigkeit entspricht. Der Trakt der Indischen Abteilung mit etlichen überraschenden Einrichtungen und einigen Neuerwerbungen wird soeben aufgebaut und bald eröffnet werden. Was hier noch alles möglich ist, verrät die Tatsache, daß allein in Celle über 3000 Kisten lediglich mit ethnologischen Objekten lagern. In einem anderen Flügel, der zur Zeit noch von der Kunstbibliothek eingenommen wird, kann das Kupferstichkabinett seine Arwird, und Schauräume finden; auch dafür verwahren Celle und Wiesbaden fast unübersehbare Schätze. Einen Teil davon sieht man soeben, 200 Handzeichnungen der Dürerzeit, also auch solche von Grünewald, Altdorfer, Holbein und anderen; allein von Dürer etwa 60 eigenhändige Zeichnungen, innigster Betrachtung wert: denn nirgendwo sonst in der Welt, nicht einmal in der Wiener Albertina, hat man dergleichen beieinander. Eine nicht minder bedeutende Auswahl von Rembrandtblättern wird demnächst folgen.

Weitaus am populärsten ist in Dahlem während der letzten beiden Jahre die Gemälde-Galerie geworden, also jener weltberühmte Teil der – Berliner Kunstsammlungen, den man früher im Kaiser Friedrich- und im Deutschen Museum aufsuchte Die im vergangenen Jahr gezeigte Auswahl aus den Beständen der altdeutschen, altniederländischen und italienischen Schulen wurde in diesem Herbst abgelöst durch Meisterwerke Europäischer Malerei des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, namentlich Vlamen und Holländer, darunter allein ein halbes Dutzend Gemälde von Frans Hals, ein volles von Rubens, zwanzig von Rembrandt, und was für welche!

In solchen, einstweilen auf Wesentliches beschränkten Darbietungen erblicken wir die Ergebnisse einer langen und bewußten Überlieferung. Das Wohlwollen, das die höchsten Stellen im Bund den Neuen Berliner Museen beweisen, läßt weiteres glückliches Gedeihen erhoffen.