Von Erich Sauer

Das Ziel der Berliner Wirtschaftspolitik ist die volle Wiedergewinnung des Anschlusses an den Wirtschaftsstand des Bundesgebiets, nachdem die getrennte Währungsumstellung und die anschließende Blockade die wirtschaftliche Entwicklung der früheren Reichshauptstadt sehr gehemmt hatte. Die bisherigen Erfolge haben zwar dazu geführt, daß der Produktionsindex der Industrie sich seit Mai 1949 von 28 auf 50 v. H. erhöht hat; der Abstand gegenüber dem Bundesgebiet, dessen Index bei 132 v. H. (1936 = 100) liegt, ist aber immer noch erheblich. Berlin ist daher wirtschaftlich noch lange nicht lebensfähig, das zeigt sich auch daran, daß immer noch 25,9 v.H. der Arbeitnehmer arbeitslos sind, während die entsprechende Zahl im Bundesgebiet bei 7,7 v. H. liegt. Unter diesen Umständen werden die Unterstützungen der ECA für Berlin weitergeführt werden, auch wenn das Bundesgebiet diese Kredite nicht mehr erhält. Auf Grund einer Enquete wurde vor knapp einem Jahr der sogenannte Longterm-Plan aufgestellt, der mit etwa 900 Mill. DM GARIOA-Mitteln die Westberliner Industrie in zwei bis drei Jahren so weit fördern will, daß die Zahl der Industriearbeiter um etwa 150 000 steigt und weitere 50 000 Menschen außerhalb der Industrie wieder Beschäftigung finden sollen, so daß dann die Gesamtbeschäftigtenzahl sich von 0,9 auf 1,1 Mill. Personen erhöhen würde.

Um das Ziel des Longterm-Plans zu erreichen, sollen nicht allein die Kapazitäten der vorhandenen Betriebe ausgebaut, sondern auch neue Industrien errichtet werden. Hoffnungsvolle Ansätze hierfür, die teilweise schon zu greifbaren Erfolgen geführt haben, sind im letzten Jahr festzustellen. Namentlich handelt es sich um Industriezweige, die im heutigen Gebiet der Sowjetzone, besonders in Sachsen, ansässig waren. Den Bau von Textilmaschinen hat die Berliner Maschinenbau AG., vorm. L. Schwartzkopff, seit kurzem aufgenommen. Das Programm dieser Firma sieht u. a. die Herstellung von Cotton-Strumpfmaschinen vor, die zum Teil in Westberlin selbst verwendet werden; denn Damenstrümpfe werden in Berlin neuerdings von zwei Firmen produziert: der A. Ferleger Strick- und Strumpfwarenfabrik und der Berolina Strumpffabrik GmbH. in Berlin-Spandau. Die Facharbeiterfrage ist in beiden Fällen kein Problem. Teilweise stehen Fachkräfte aus dem Sudetengebiet und aus Sachsen zur Verfügung, teilweise wurden neue Kräfte gewonnen.

Die Materialversorgung der Strumpffabriken wie der anderen neuerdings aufstrebenden Textilhersteller erfolgt zum größten Teil aus dem Bundesgebiet. Seit einigen Wochen werden nun Perlonfasern und -fäden von der Spinnstofffabrik Zehlendorf AG. hergestellt, die ihre gegenwärtige Produktion von 30 t monatlich noch beträchtlich erweitern will, Interessant ist es, daß diese Gesellschaft, kapitalmäßig von den großen Firmen des In- und Auslandes unabhängig ist. Eine ganz neue Fertigung nimmt eine fast 100 Jahre alte Firma aus Chemnitz auf, die in Gründung befindliche Firma „Hübsch Berliner Teppich- und Möbelstoff-AG.“.

Für die chemische Industrie kann ein neues Verfahren zur Schwefelsäureerzeugung bedeutungsvoll werden, das die Zehlendorfer Chemie GmbH. seit kurzem anwendet. Das Endprodukt wird dabei nämlich nicht aus meist ausländischem Schwefelkies, sondern aus Eisenoxyderde hergestellt, die in den Gaswerken reichlich anfällt, so daß die Gestehungskosten viel niedriger als beim bisherigen Verfahren sind.

In der Papierindustrie wurde vor etwa drei Monaten eine neue Handpappenfabrik in Betrieb genommen mit einer Anfangskapazität von 45 t monatlich, die bis zum Jahresende mehr als verdoppelt wird. Daraus kann allerdings erst ein kleiner Teil des Bedarfs der pappenverarbeitenden Industrien in Berlin gedeckt werden. Die Pappenherstellung hat infolge des starken Abfalls von Altpapier eine gesicherte Rohstoffgrundlage, Dagegen ist die Errichtung einer Papierfabrik (Zeitungspapier), die die früher in Ammendorf/Saale domizilierende Ammendorfer Papierfabrik AG. seit mehr als einem Jahr vorbereitet, noch immer nicht in Gang gekommen, weil die Finanzierung aus ECA-Mitteln nicht geklärt ist. Die Rohstoffbeschaffung soll nach fachmännischem Urteil keine Sorge bereiten. Da Berlin Großverbraucher an Zeitungspapier ist, sind die Absatzverhältnisse so günstig, daß Nachteile bezüglich Transportkosten infolge weiterer Entfernungen durch die Nähe des Absatzmarktes ausgeglichen werden,

Auch in der Glasindustrie sind Firmen aus der Sowjetzone nach Berlin zugewandert. Vor allem wurde an mehreren Stellen die Herstellung von Thermometern aufgenommen. Auch die Fabrik kation von Flachglas, an dem laufend ein starker Bedarf vorhanden, dessen Antransport allerdings mit Bruchrisiken vorbunden. ist, wird erwogen. Ein neuer Industriezweig ist ferner die Kachelfabrikation, die früher in Velten, der Ofenstadt vor den Toren Berlins, ihre wichtigste deutsche Produktionsstätte hatte.