Man möchte das neueste Buch von Fritz Sternberg eine Wirtschaftsgeschichte der letzten hundert Jahre nennen, betrachtet unter einem ganz bestimmten – verhältnismäßig engen – Gesichtswinkel („Kapitalismus und Sozialismus vor dem Weltgericht“, Rowohlt-Verlag, Hamburg, 1951, 456 S., 24 DM). Vor dem geistigen Auge des Lesers zieht die Blütezeit des Kapitalismus seit der Mitte des 19. Jahrhunderts vorüber – Jahrzehnte, in denen die Zentren dieser Wirtschaftsform, vor allem England, Deutschland, die USA und Frankreich, einen beispiellosen Aufstieg nehmen, in denen in Westeuropa und Nordamerika der Wohlstand der besitzenden Schichten rasch wächst und der Lebensstandard der Massen stark steigt: jene Jahrzehnte, in denen der Kapitalismus abendländischer Prägung von der Welt Besitz ergreift. Diese Wachstumsperiode wird durch den ersten Weltkrieg beendet, – der den ersten tiefen Einbruch in die damalige Welt- und Wirtschaftsordnung bringt. Die Zeit zwischen den Weltkriegen nennt Sternberg die Stagnationsperiode des Kapitalismus, in der dieser sich zwar in seinen Zentren hält, aber im Innern erschüttert und an der Peripherie bereits von einer anderen Wirtschaftsordnung abgelöst worden ist. Der einsetzende Transformationsprozeß wird durch den zweiten Weltkrieg beschleunigt, und die „Polarisierung“ der Erde mit dem Aufkommen der beiden außereuropäischen Weltmächte hat die einstige wirtschaftliche Vormachtstellung Europasbeseitigt. Der zweite Weltkrieg aber ist, wie der Autor meint, nicht (gleich dem ersten) das Ende einer Epoche, sondern hat nur den Transformationsprozeß zum Sozialismus gefördert.

Sternberg sieht also den Kapitalismus mindestens in Europa als eine sterbende Wirtschaftsform an, die hier nur noch durch die USA künstlich gestützt wird. So ist es auch nicht verwunderlich, daß er für die Zukunft die – nicht neue – These aufstellt, nur ein geeintes demokratisches, sozialistisches, industrielles Europa könne als dritte Kraft zwischen den Weltmächten den schwebenden Konfliktstoff mildern. Ein von beiden Seiten unabhängiges Europa soll also sowohl kulturell wie mit Hilfe seiner zwischen den extremen Wirtschaftsordnungen der Weltmächte USA und Rußland auf der Mitte stehenden sozialistischen Wirtschaftsform nach beiden Seiten ausgleichend wirken, die Gegensätze mildern und eine Annäherung der beiden Pole bewirken.

Diese These eines Mannes, der als geistiger Schüler von Karl Marx und Rosa Luxemburg wieviele andere zum Renegaten wurde, ist keineswegs befriedigend oder gar, wie Sternberg meint, die einzig mögliche und rettende Lösung. Vielmehr ist es sehr wohl denkbar und entspricht der Mentalität des Westeuropäers ohne Zweifel mehr, mit Hilfe einer freien, auf der Initiative des einzelnen basierenden Marktwirtschaft den Wiederaufbau eines geeinten und demokratischen Europas voranzutreiben. Dabei ist die Verantwortlichkeit des Unternehmers für seine Belegschaft und seine Fähigkeit, gesamtwirtschaftlich zu denken, ebenso unerläßlich, wie das Vorhandensein einer schwerfälligen Planungsbürokratie abzulehnen ist.

Bezüglich der Sternbergschen etwas einseitigen, seiner geistigen Herkunft entsprechenden Zukunftsrezepte und seiner Terminologie wäre es also ratsam, als Gegengewicht Schumpeter („Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“), Hayek oder Röpke („Gesellschaftskrisis der Gegenwart“) zu lesen, um auf diese Weise die Dinge in die gebührende Relation zu bringen. Davon abgesehen, bringt das Buch jedoch eine Fülle interessanter Einzelheiten, Gegenüberstellungen und Analysen, die es bei „richtiger“ Wertung rechtfertigen, das Werk als bedeutsame Neuerscheinung zu bezeichnen. C. v. Sydow