Zwischen Spandau und Babelsberg

Im Cinéma Paris am Kurfürstendamm läuft seit einigen Tagen der Film „Endstation Sehnsucht“, nach Tennessee Williams’ Bühnenstück. Es ist eine europäische Erstaufführung. Vor London, vor Paris, sehr bald nach New York, ist dieser Streifen hier in Berlin angelaufen – ein eklatanter Beweis, daß das Urteil des Berliner Publikums für den amerikanischen Verleih von besonderer Wichtigkeit ist.

Seit Beendigung des Krieges hat dieses Publikum wie kein anderes in Europa seinen Blick für den Film schulen können, die Teilung in vier Sektoren hatte eine heilsame Konkurrenz aufkommen lassen. Und bei den Internationalen Filmfestspielen dieses Jahres hat sich das in den Nachkriegsjahren angesammelte kritische Vermögen des Berliner Publikums bewährt. Das Märchen, „das Publikum“ wolle nun einmal seichte, problemlose, „gängige“ Filme, ist in Berlin gründlich zuschanden gemacht worden. Die Pfiffe im Titania-Palast, als schwache deutsche Filme ins hoffnungslose Rennen gingen, bewiesen es; Jean Cocteau, Curzio Malaparte, Julien Duvivier und andere haben es bestätigt.

Berlin ist aber im Unterschied von früher heute in erster Linie eine rezeptive Filmstadt. Zwar steht die Zahl der Westberliner Kinos – etwa 200 – prozentual der in anderen deutschen Großstädten voran. Aber die Filmindustrie, der Filmhandel und das künstlerische Personal haben sich seit 1945 Schritt für Schritt nach Westdeutschland abgesetzt.

Babelsberg, mit den Ateliers und allen technischen Anlagen der UFA, liegt heute in der russischen Zone. Hier hat sich die DEFA installiert mit ihren staatlichen Subventionen, mit ihrem Propagandaapparat. Die Zeiten, in denen der deutsche Nachkriegsfilm mehr oder weniger mit der DEFA identifiziert werden konnte, sind in Westberlin Seit der Blockade endgültig vorüber. Während in westeuropäischen Ländern noch heute DEFA-Filme unterzubringen sind, hat in Berlin kein DEFA-Film mehr seinen Erfolg über den Ostsektor hinaus ausdehnen können.

Täglich gehen viele Bewohner der Ostsektoren in die Westsektoren, um einmal frei von propagandistischer Verwirrung im Kino sitzen zu können, und noch mehr machen Gebrauch von der Möglichkeit, für Ostgeld in Filmtheater zu gehen, die dicht an den Sektorengrenzen eigens für Ostberliner und für Reisende aus der Zone spielen.

Nach manchen Irrungen und Wirren scheint die DEFA für 1952 ein Schema gefunden zu haben, von dem man sich Erfolg verspricht: volle Kassen mit unverbindlichen, exportierbaren Stoffen („Freischütz“, „Dollarprinzessin“, „Nante“) und politische Wirksamkeit mit Monumentalfilmen des „neuen Typus“. Da ist ein zweiteiliger Film „Über das Leben und Wirken des großen Arbeiterführers Ernst Thälmann“ geplant, drei Filme über die Einheit Deutschlands, ein weiterer über das deutsch-sowjetische Verhältnis mit dem Tscherwonzen-Prozeß als Hintergrund und weitere Streifen, deren Titel allen genug besagt: „Ami, go home!“, „Du mußt Kämpfen“, „Helgoland“, „Vier Traktoristinnen Ferner die Dokumentarfilme „Stalin und das deutsche Volk“, „Ein Tag aus dem Leben Deutschlands“ und „Die Pionierrepublik ‚Ernst Thälmann‘.“