Heute, da die Frage, wie man die Jugend aus der Lethargie des Alltags und den Gefahren eines scheinbar sinnlos gewordenen Lebens wieder zur Verantwortung in der Gemeinschaft zurückführen kann, wichtiger ist denn je, soll der Versuch gemacht werden, die Idee des Landerziehungsheims einer breiteren Schicht zugänglich zu machen. Das Landerziehungsheim fußt ja auf der Erkenntnis, daß Kinder und Jugendliche bei kluger und scheinbar zurückhaltender pädagogischer Führung zu gemeinschaftsbejahenden Persönlichkeiten erzogen werden, daß sie im Rahmen einer eigenen Welt – und nicht nur in Schulstunden – ihr Wissen erweitern und ihren Charakter bilden. Dies freilich eher im Sinne der „Pädagogischen Provinz“ Goethes, und ganz und gar nicht im Sinne jenes von Schirach geprägten Wortes „Jugend von Jugend geführt“, das während des „Dritten Reiches“ für das A und O jeglicher Erziehung galt.

Damals als man die Jugend rief und immer neue Forderungen an sie stellte, ist sie willig gefolgt. Und als sich dann beim Zusammenbruch zeigte, daß alles Irrtum und vieles Verbrechen gewesen war, blieb das Gefühl einer großen Leere zurück. Heute nun stellt niemand mehr Forderungen an die Jugend, überträgt ihr niemand mehr Verantwortungen. Kein Wunder, daß die Jugend einer gewissen Passivität verfallen ist! Wenn es keine verbindliche Gemeinschaft gibt, wenn der Begriff Vaterland zerstört ist und das größere Vaterland: Europa, eine Utopie bleibt, dann zieht eben jeder sich auf sein eigenes Ich als letzte und einzige Instanz zurück.

In dieser Situation ist Kurt Hahn, der Gründer Salems und anderer verschiedener Landschulheime in Deutschland und England, auf den Gedanken gekommen, das Gemeinschaftserleben der Landschulheimerziehung nicht nur den Kindern jener Eltern zu erschließen, die die Schul- und Internatskosten aufbringen können, sondern auch den wirtschaftlich unbemittelten. Und noch etwas anderes scheint ihm wichtig, nämlich echte Forderungen zu stellen. Hahn glaubt, daß in jeder Jugend, auch in der deutschen, wenn sie den ersten Schock des Zusammenbruchs überwunden hat, wieder der Wunsch nach Bewährung und die heimliche Sehnsucht nach Hingabe und Auswirkung der eigenen Persönlichkeit erwachen wird. Wenn aber die vitalen Kräfte der Jugend nicht geleitet werden, besteht die Gefahr, daß sie zur Brutalität oder zum Radikalismus führen. Gerade diese vitalen Kräfte sind jedoch von allergrößter Bedeutung. Der englische Historiker Trewelyan hat einmal gesagt: „Ohne den Instinkt der Jugend für das Abenteuer ist jede Zivilisation, wie durchgeistigt und erleuchtet sie auch sein mag, und jeder noch so wohlgeordnete Staat zum Siechtum verdammt.“

Es ist nun vor kurzem eine „Deutsche Gesellschaft für europäische Erziehung“ gegründet worden, die über so viel Kapital verfügt, daß zunächst einmal die Einrichtung und Erhaltung einer „Kurzschule“ nach dem Plane Hahns in Angriff genommen werden kann. Diese erste Kurzschule wird im Frühjahr 1952 in Weißenhaus, einem Platenschen Besitz an der Ostküste Schleswig-Holsteins, eröffnet werden. Es sollen dort etwa hundert Jungen im Alter von 16 bis 19 Jahren für jeweils vier Wochen zusammenkommen und ähnlich dem Experiment von Nehmten, das wir kürzlich hier schilderten, geschult und trainiert werden. Es sollen Lehrlinge aus Industrie und Handwerk sein, die sonst nur manuelle Arbeit leisten, und höhere Schüler, die sonst nur das Lernen und Studieren kennen.

Gewiß wird niemand behaupten, daß diese vier Wochen Kurzschule den gleichen Effekt haben sollen wie eine jahrelange Erziehung und Gemeinschaft im Landschulheim; es kann jedoch gerade das Erlebnis, plötzlich aus der Großstadt und dem Einerlei der Lehre eines Kontors oder einer Fabrik hineinversetzt zu werden in einen Lebenskreis auf dem Lande mit ganz bestimmten Aufgaben und Anforderungen, zu einer Art Initialzündung werden. Aufgaben und Anforderungen aber werden gestellt werden. Es fügt sich, daß Graf Platen, der Besitzer von Weißenhaus, seit Jahren dort an der Küste den Rettungsdienst unter sich hat, der mit mehreren Spezialrettungsbooten und einer Funkanlage noch weiter ausgebaut wird. Da es zum Prinzip der neuen Erziehungsmethode gehört, junge Menschen zur Hilfe durch die Tat zu erziehen, auch dort, ja gerade dort, wo ein Hauch von Abenteuer und Kühnheit weht, werden die „Kurzschüler“ in diesem Rettungsdienst mithelfen. In Weißenhaus ist ferner die Feuerwehr des Bezirks stationiert, und das Rote Kreuz richtet dort eine Unfallhilfestation ein. Gerade diese Tradition eines auf Hilfe und Rettung eingestellten Ortes schien der ideale Rahmen für eine solche Kurzschule. Denn, so betont Hahn immer wieder, die Anforderungen und das Abenteuer der See, die Bewährung im Falle der Not, haben etwas Inspirierendes für den jungen Menschen.

Bei diesem Kursus wird ein hartes körperliches Training nicht Höchstleistungen des Einzelnen zu erreichen versuchen, sondern dazu dienen, in dem Erkennen der eigenen Leistungsfähigkeit das Selbstbewußtsein zu wecken. Die Erfahrung zeigt, daß es für einen Jungen, der sich sonst sportlich nicht betätigt, ein wirklicher Triumph ist, wenn sich nach 14 Tagen zeigt, daß er bisher unerreichbare Leistungen am Seil, beim Klettern oder Schwimmen vollbringt. Das Überwinden von Gefahren und das Durchstehen körperlicher Anstrengungen, wie sie gerade der Rettungsdienst erfordern, sind, wie der Headmaster von Eton einmal gesagt hat, wie Eroberungen ohne die Demütigung eines Eroberten. Die Kurzschule soll eine disziplinierte Gemeinschaft mit bestimmten Regeln und Pflichten bilden, in welcher derjenige, der sich unter diesen Bedingungen bewährt, eine echte Autorität erwirbt. Auf geistigem Gebiet soll das Interesse für die politischen und wirtschaftlichen Probleme Deutschlands und der Welt geweckt und der Sinn für eine tolerante, nicht aggressive Diskussion entwickelt werden.

All das sind nicht theoretische Wunschträume einiger Weltverbesserer, sondern es sind Ideen und Lehrpläne, die Hahn bereits vor etwa zehn Jahren in England verwirklicht hat. Seither haben viele Tausende junger Menschen solche Kurzschul-Kurse kennengelernt. Etwa 200 industrielle Unternehmen schicken ihre Lehrlinge regelmäßig zu diesen Kursen, und sie würden das gewiß nicht tun (denn sie müssen pro Kopf eine nicht unerhebliche Summe zur Bestreitung der Kosten bezahlen), wenn sie es für eine verstiegene Spielerei hielten.