Paris, im Dezember

Das französische Parlament hat den Schuman-Plan ratifiziert. Das Feld war zu Beginn von den Gegnern des Planes beherrscht. Ihre Argumente zeigen der deutschen Öffentlichkeit, wie die Motanunion sich für gewisse Kreise der französischen Bevölkerung noch heute darstellt. Deutschland ist heute das mächtigste Mitglied der Montanunion, erklärte der Einzelgänger General Aumeran. Deshalb müsse diese notwendig unter die Herrschaft Deutschlands geraten. Damit sei es um die Großmachtstellung Frankreichs ein für allemal geschehen. Vom militärischen Gesichtspunkt bekämpfte Loustaunau-Lacau, der Berichterstatter des Heeresausschusses, den Plan: Mit der Montanunion gäbe Frankreich sein Kriegspotential aus der Hand. Kriegspotential und Landesverteidigung ließen sich aber nicht trennen. Wer zum Schuman-Plan ja sage, könne zum Pleven-Plan nicht nein sagen. Die Montanunion besiegele so die Vormachtstellung der Ruhrindustrie. Es ist selbstverständlich, daß ein solches Europa deutsch sein werde. Pierre André, der Mann der Schwerindustrie wußte wirtschaftlichen Einwänden das stärkste Gehör zu verschaffen: Die Montanindustrie soll die Versorgung Frankreichs mit Kohle und Koks sicherstellen? Wenn die Erzeugnisse der deutschen Stahlindustrie zoll- und kontingentfrei nach Frankreich und den französischen Überseegebieten einströmen, wird die teurer arbeitende französische Industrie an die Wand gedrückt. Der Hauptsprecher der Gaullisten, Palewski, lehnte den Schuman-Plan mit der Begründung ab, Europa müsse vom Politischen her durch eine Volksabstimmung, nicht vom Wirtschaftlichen her durch eine Montanunion zustande kommen. In vielen Überlegungen tauchten Zweifel an der Vertragsfähigkeit der westdeutschen Regierung auf. Bonn ist nichts Endgültiges. Wie immer sich die Dinge entwickeln, so argumentierte man, Deutschland wird seine Einheit wiederfinden. Wer kann heute sagen, wieweit der künftige deutsche Staat bereit sein wird, die Vereinbarungen anzuerkennen, die Frankreich heute auf fünfzig Jahre mit Bonn eingeht? Der frühere Ministerpräsident Flandin ging aber nicht zu weit, als er alle Kritik gegen den Schuman-Plan in die Worte zusammenfaßte: Alle Vorteile für Deutschland, alle Nachteile und Gefahren für Frankreich.

Wenn nach alledem sich doch die Anhänger des Plans durchsetzten, so zeigt dies, daß mit der Kenntnis der Schicksalsgemeinschaft sich auch eine Änderung der gefühlsmäßigen Einstellung der Bevölkerung anbahnt: Wäre dies nicht so, hätte keine Kohle der Welt dem Schuman-Plan im französischen Parlament eine so verhältnismäßig starke Mehrheit gebracht. Arthur Rosenberg